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Paul Heyse.
Handeln, das ein Ziel verfolgt, ist so wenig der Kern seinerDramen, wie seiner Novellen und Romane. Kommt ab undzu eine energische Handlung vor, so geschieht sie aus Ver-zweiflung : das Individuum ist in eine Enge getrieben, woes keinen andern Ausweg erblickt als den, das Aeusserstezu wagen. (Man vergleiche die Handlung des jungen Förstersin „Mutter und Kind“, als er den Sohn seiner Geliebten raubt,oder die Entführung in „Das Bild der Mutter“.) Im „Paradiese“ist die Scene, wo Jansen in seiner Erbitterung über all’ dieHalbheiten, in denen er sein Leben verbracht hat, die Mo-delle seiner Heiligen zu Scherben schlägt, ein gutes Beispiel.Es war unmännlich von Jansen, eine Heiligenfabrik zu unter-halten — die ganze Idee ist als flüchtiger Scherz amüsant,lässt sich aber nicht festhalten, ohne den Charakter zuentstellen — es ist indess noch unmännlicher, ja weibischgehandelt, seinen Zorn über die todten Gypsgestalten aus-/ gehen f.u lassen. Obwohl nun aus dem angeführten Grundder eigentliche dramatische Nerv wohl immer Heyse’s Ar-• beiten fehlen wird, sind die Hindernisse, die sich dem ent-scheidenden Erfolg des Dichters auf der Bühne in den Weg, stellen, nicht so bedeutend, dass er sie nicht mit der Zeitüberwinden und einen scenischen Triumph feiern könnte.Vorläufig ist er vor einigen Jahren zur allgemeinen Ver-wunderung in einer Dichtungsart aufgetreten, die ihm- ganzfern zu liegen schien, in der er aber in kurzer Zeit einengrossen Erfolg errang.
Es ist noch in frischer Erinnerung, welches Aufsehendie „Kinder der Welt“ in Berlin erweckten, als der Romanzuerst in der „Spener’schen Zeitung“ erschien. Man spracheinen Monat lang überall von diesem P'euilleton. Plötzlichhatte der unschuldige, dem Weltleben entfremdete Novellistsich als ein rein moderner Geist enthüllt, der einen philo-sophischen Roman mit Hölderlin’s Worten schloss:
Verlass mit Deinem Götterschilde,
Verlass, o Du, der Kühnen Genius,
Die Unschuld nie!