Paul Heyse.
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Anlass finden. „Hadrian“ hat wol am meisten die Kritik ver-wirrt. Was den Dichter zu einem uns so fremdartigen, nochdazu an die Schattenseiten des antiken Lebens erinnerndenVerhältnis, wie dem zwischen Hadrian und Antinous lockenkönnte, schien fast unbegreiflich. Ich betrachte unter Heyse’sDramen „Hadrian“ als eins der besten, und zwar weildies Stück das persönlichste und am tiefsten empfundene ist.Es ist mir unmöglich gewesen, diese Tragödie von demjungen, schönen Aegypter, der, vom Weltbeherrscher soleidenschaftlich geliebt, von aller Herrlichkeit und Pracht desHofes umgeben, frei in jeder Hinsicht, nur an seinen kaiser-lichen Bewunderer gebunden, nach vollständiger Freiheitschmachtet, zu lesen ohne an einen gewissen jungen Dichterzu denken, der, schon in frühester Jugend an einen süd-deutschen Hof berufen, bald der Liebling eines liebens-würdigen und verständigen Königs, als Günstling des Glückesbeneidet ward, und doch heimlich in manchem Augenblicksich weit weg vom Hofe wünschen und in mancher gebun-denen Stunde es fühlen musste, wie wenig selbst die Gunstdes besten Herrn die Freiheit des ganz Unbeschiitzten, aberganz Unabhängigen aufwiegt.
In diesem Drama ist ausnahmsweise alles Scenische vonder höchsten Wirkung. Die eigentliche Ursache, warum Heysebei seiner grossen Befähigung für die Bühne doch sonstnicht entschieden durchdrungen hat, ist vielleicht die,dass er das eigentliche deutsche Pathos, das Schiller’sche,nicht besitzt. Erst wenn ein Pathos gebrochen, wenn dasPathetische halb pathologisch ist, vermag er es mit vollerOriginalität zu behandeln. Das dramatische Pathos ausvoller Brust wird bei ihm leicht unkünstlerisch-national,patriotisch und ein bischen alltäglich. Hierzu kommt, dassdie Darstellung der eigentlich männlichen Action nicht seineSache ist. In wie hohem Grade er auch in seiner Poesieüber die passiven Eigenschaften des Männlichen, wie Würde,Ernst, Ruhe, Unverzagtheit, gebietet, es fehlt doch ihm, wieGoethe, ganz das active Moment. Ein kräftig eingreifendes