Buch 
Moderne Geister : literarische Bildnisse aus dem 19. Jahrhundert / von Georg Brandes
Entstehung
JPEG-Download
 

4öo

Henrik Ibsen.

eines Sohnes, den Todesmattigkeit, Verzweiflung, Wahnsinn,Idiotismus beim Eintreten des Mannesalters ergreifen!und doch! Doch nennt derjenige Theil der Gesellschaft, denHerr Pastor Manders repräsentirt, dieses Opfer ihrer selbstund ihres Sohnes Pflicht, und findet, dass ein Aufstandsver-such gegen dieses Grässliche ein Verbrechen gewesen wäre.

Dies ist das Pathos des Stückes, und dieses Pathoserschreckte das grosse Philisterium noch mehr alsNora.Diesmal war es, als ob Ibsen sogar die Sterne ausgelöschthabe.Nicht ein Lichtpunkt!

Das Verhältnis zwischen Mann und Frau ist inGe-spenster von einem neuen Gesichtspunkt dargestellt: dieVerantwortung dem Kinde gegenüber bildet gleichsam denMaassstab dafür. Das Drama behandelt in dichterischer Formden Gedanken der Vererbung; es stellt auf Grund jenesDeterminismus, der nun einmal das letzte Wort der mo-dernen Wissenschaft in der Sache ist, die durchgehende Be-stimmtheit des Kindes durch die Eltern dar, und gibt dieserThatsache einen stimmungsvollen, gedankenerregenden Hin-tergrund, indem es auf die allgemeine Thatsache hinweist,die schon der Titel andeutet (Gengangere, Gespenster imSinne des französischenrevenants), nämlich: auf die durchVererbung bedingte Bewahrung von Gefühlen und da-durch von Dogmen deren ursprüngliche Lebensbeding-ungen ausgestorben und andern gewichen sind, mit denendiese Gefühle im Streite liegen.

Es knüpft sich in Bezug auf Ibsens Entwickelung einHauptinteresse an diesen Griff, diese Wahl des Stoffes, weilwir den Dichter hier zum ersten Male den Ring durch-brechen sehen, welchen sein Individualismus sonst um denEinzelnen als solchen zu ziehen pflegt. In einem Briefe von1871 schrieb Ibsen folgende Worte, welche für Vieles beiihm bezeichnend sind :

.Für das Solidarische hab ich eigentlich nie-

mals ein starkes Gefühl gehabt; ich nahm es nur so mitals traditionelle Glaubenssatzung und hätte man Muth,