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Moderne Geister : literarische Bildnisse aus dem 19. Jahrhundert / von Georg Brandes
Entstehung
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Henrik Ibsen.

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es ganz und gar ausser Betrachtung zu lassen, so würdeman vielleicht des Ballastes los, welcher am schwersten aufdie Persönlichkeit drückt . . .

Jetzt, zehn Jahre darnach sind ihm für die Bedeutungdes Solidarischen die Augen aufgegangen; jetzt hat er gründ-lich eingesehen, dassMuth nichts nützt, um sich darüberhinwegzusetzen, und dass wir Alle schon von Geburt ansolidarisch mit Personen und mit Verhältnissen verbundensind, über die wir nicht Herr werden. Ibsen ist augenschein-lich im Verlauf der Jahre in immer innigere Beziehung zuden Grundideen der Zeit getreten.

So sehen wir ihn, der, wie fast alle jetztlebenden älte-ren Schriftsteller von Anfang an bis zum Gürtel in der ro-mantischen Periode stand, sich aus derselben heraus- undemporarbeiten und allmälig immer moderner, zuletzt derModernste unter den Modernen werden. Dies ist nach meinerUeberzeugung Ibsens unvergänglicher Ruhm und wird seinenWerken einen bleibenden Werth. verleihen. Denn das Mo-derne ist nicht das Ephemere, sondern die Flamme desLebens selbst, der Lebensfunke, die Ideenseele eines Zeit-alters.

Es ist zu hoffen, dass die Missstimmung, welche Ibsensletztgenanntes Werk in manchen Kreisen erweckte, und dieplumpe Kritik, der es zum Gegenstand diente, nicht hem-mend auf seine Productivität einwirken wird. Im erstenAugenblick freilich mochte diese Aufnahme niederschlagendauf ihn wirken. Er schrieb darüber:

. Wenn ich denke, wie träg und schwer und

stumpf das Verständniss daheim in Norwegen ist; wenn ichAcht darauf gebe, als wie seicht die ganze Betrachtungs-weise sich erweist, so überkommt mich ein tiefer Missmuth,und manches Mal will mir scheinen, ich könnte meine litte-rarische Wirksamkeit auf der Stelle beschliessen. Bei unsdaheim braucht man eigentlich gar keine Dichterwerke;man behilft sich mit der Storthings-Zeitung und derLu-therischen Wochenschrift. Und ausserdem hat man ja die