6o sssssss»
jede Linie, so natürlich sie scheint, hat Leben, undFeuer, das man bewundern würde, wenn nicht alleLinien gleich wären. Unter den vielen Gcmüths-karaktern der mit in dem Drama begriffenen Perso-nen ist nicht einer, der nicht unveränderlich durch dasganze Werk herrschet und sich erhalt, so daß wir ebennicht für schwer halten, bey einer jeden Seite zu sa-gen , welche Person den Brief geschrieben habe. DasRührende, Traurige, Bewegliche und Entzückende sindim fünften , sechsten und siebenten Theile, und sonder-lich auf dem Todbctte der Clarissa so gehäuft, daßwir die Würkung des unwiedcrstehbarcn Pathos auchauf den unempfindlichsten Gemüthern gesehen, undAugen geweint haben, die bey wahren Unglücken ihrerFreunde beständig trocken geblieben sind. Es ist wahr,das Unglück, das der tugendhaften Hauptperson derGeschichte begegnet, scheint dieselbe zu erniedrigen,und hat für einen etwas feinen Geschmack fast etwaswiederstehendes. Aber der Verfasser hat dessen un-geachtet die Heldin in eine solche Erhabenheit wiederzu bringen gewußt, die fast mehr bey den Engeln alsbe^ den Menschen ist. Der unglückliche Ausgangder, strafbaren Personen, und zumal dcr unzeitige Todder Clarissa hat in Engclkand einige wicdrige Urtheileerweckt. Aber das sollte, eine Warnung seyn, unddie langen Leidender Fräulein sollten zur Lehre dienen,daß ein Frauenzimmer sich niemals wegen der gehoftenBesserung der Treue eines unordentlich lebenden Lieh-