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Albrechts von Haller ... Tagebuch seiner Beobachtungen über Schriftsteller und über sich selbst : zur Karakteristik der Philosophie und Religion dieses Mannes
Entstehung
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Beyde hatten wir mehr Geschmack als Kräfte.Mein Freund (denn wir haben Briefe gewechselt,,und viele Jahre im besten Vernehmen gestanden)schmelzte seine ersten jugendlichen Gedichte um, undverbesserte sie, wie er zu mehrern Kräften in derDichtkunst kam. Ich gicng einen Schritt weiter,und an emem glücklichen Tage im Jahre 1729 ver-brannte ich alle meine unzählbaren Verse, Hirten-liedcr, Tragödien, epische Gedichte, und was esalles war, Ich ließ mir selbst keine Spuren davonüber; nur war ich in meinem Geschmacke noch nichtso gebessert, daß ich alle diejenigen vertilgt hätte,die es verdienten. Ein schmeichelnder Zuhörer schriebAch noch einige ab, die ich beybehalten hatte, dieich aber selber unterdrückt habe, und er gab fle zwan-rig Jahre hernach einem Verleger ohne mein Vor-wissen, und zu meinem grösten Verdruß. Lange her-nach, und jetzt mehr als jemals, warmein Geschmakbesser als meine poetischen Kräfte; ich sah jenseitsallein, was ich zu leisten vermochte, eine möglicheVollkommenheit, die ich zu erreichen unvermögendwar. Ich sah, zumal im Virgil, eine Erhabenheit,die sich niemals herunterließ, wie ein Adler in derobern Luft schwebte, eine Ausarbeitung, die an desHarmonie, an der Mahlerey, am Ausdrucke nichtsunausgeftilt ließ, und die in meinen Gedanken nochniemand nachgeahmt hat.