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Albrechts von Haller ... Tagebuch seiner Beobachtungen über Schriftsteller und über sich selbst : zur Karakteristik der Philosophie und Religion dieses Mannes
Entstehung
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jich zu Gott flehend, gedankenlos. Dieser übleGebrauch des Kreuzes ist für mich sehr schreckendund fürchterlich, denn wenn die gute Zeit mich sor,genlos und sicher macht; und dann die üble, miß-vergnügt und mürrisch, wie soll dann mein Todes-tag bey einem so nahen Uebertritt in die Ewigkeitausfallen. O mein Gott, hilf, daß er glücklichsey, hilf dem wenigen guten Saamen auf, derin mir Wurzel gefaßt, daß er wachse, daß erFrüchte trage; lehre mich erkennen, daß ich diralles schuldig bin, daß ich unendliche Sünden ge-häuft habe, und ich nicht anders als durch einWunder deiner Gnade der Strafe entrinnen kann.Selbst dieß Gefühl, so fest gegründet es in mei-nem Alter seyn sollte, ist so schwach, daß es sichfast gar nicht erhebt, und sich blos durch Klagenüber meine körperlichen Leiden hören läßt. Nurdu kannst helfen, nur deine Allmacht wird es! Ichwerfe mich im Staube bor dir nieder; mich um-ringen meine Sünden, mich bestürzt meine wenigeBesserung, meine Fühllosigkeit. O mein Vater,hilf!

s6 Aprill. Ach daß ichs fühlen muß, wie eine herrlicheSache es ist, ein wahrer Christ zu seyn, sich ver-sichert zu halten, man habe einen versöhnten GotKund einen für uns bey dem Richter flehenden Für-sprecher ! O möchte dieses stetige Loös mir auchzu Theil werden.

V. Halters Tageb. TH.H.