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Albrechts von Haller ... Tagebuch seiner Beobachtungen über Schriftsteller und über sich selbst : zur Karakteristik der Philosophie und Religion dieses Mannes
Entstehung
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seine Hausgenossen, und einen ebenso vollkommnenGehorsam gegen seine Obern ausübet, die man sehrunrichtig Mandarinen nennt. Diese und viele andereVerordnungen, neben der natürlichen Feigheit desVolks, haben dieses grosse Reich noch so ziemlich inRuhe, und in einer gleichen Verfassung erhalten.Die neuen Herrscher, die von Zeit zu Zeit das blöd-herzige China mit den Waffen bezwängen, haben diesedespotische Macht ihnen selbst sehr zuträglich, undzugleich sehr nöthig gefunden, ein unzählbares Volk,das seine Ueberwinder allemal wohl hundertmal anMannschaft übertraf, zugleich im Zaume, und ineinem erträglich guten Willen gegen seine Urberwiu»der zu erhalten. Aber was ist die gerühmte Wirkungdieser Gesetze und dieser gepriesenen Sittenlehre, inwelcher kein Gott ist? Eine allgemeine Herrschaft vie-ler Laster, mit überaus wenigen Tugenden. Der Chi-neser ist feig, falsch, rachgierig, eigennützig, betrü-gerisch, wollüstig. Es ist wahr, er ist höflich, arbeit-sam , und im Aeussern gelassen und sittsam. Aberwie gering sind diese Tugenden gegen die überwie.genden Laster?

Selbst die innere Verfassung hat mehr Fehler,als der schlechteste europäische Staat. Alles ist vollRäuber, und alle Jahrhunderte sind voll von solchenStörern der allgemeinen Ruhe, die durch die Feig-heit des Volkes, durch seine Gleichgültigkeit gegenseine Beherrscher, und durch die Ungelenksam-