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Mimik, welche weder durch Schrift noch durch Farbe bleibend gemacht werdenkann und zur künstlerischen Technik oder zur sekundären Kunst herabsinkt. Diefreien Künste der Bildhauerei und Malerei darf man im Hinblick auf ihreBeziehung zum Stoff reale Künste (von rss — Sache) nennen. Dagegen sindMusik und Poesie ideale Künste (von läsu — Bild, Begriff, Vergeistigungin der Seele). Die realen Künste (Bildhauerei und Malerei) beschränken sichauf Darstellung eines fertigen Zustandes oder eines bestimmten Moments' in einerEntwicklung oder in einer Bewegung. Die idealen Künste (Musik und Poesie)dagegen charakterisieren Gefühlszustände und Gedanken in ihrem Werden, in 'ihrer Entfaltung. Die obigen realen Künste sind objektiv, insofern sie dieräumlichen Objekte in bestimmten Erscheinungen zur Anschauung bringen. Dieidealen Künste dagegen sind subjektiv, sofern sie inneren subjektiven Empfindungen,Gefühlen und Betrachtungen im Tone und Worte als den formalen Dar-stellungsmitteln von Gedanken und Empfindungen Ausdruck verleihen. Dierealen Künste sind an die Körperwelt, an den Stoff und die Verhältniße nachAusdehnung und Form gebunden. Die idealen Künste hängen nur vomSubjekt und seinem Geistesleben ab, vom Grade der inneren Empfindung, vonFreude, Lust, Schmerz, Erhebung, Begeisterung, Erregung rc.
Z 7. Gegenstand der Poetik: die Dichtkunst.
Poesie ist die Darstellung des Schönen in Worten und hör-baren Gedanken: das freie Spiel der schöpferischen Phantasie und desGemüts durch die Rede und die sinnlichen Formen derselben, — einIdeales in solch vollendeter Form, daß es auch im Beschauer oderHörer angenehme Empfindungen hervorruft und ihm Genuß bereitet.
Wir gehen mit dieser Definition einen Schritt weiter, als Schiller, derunter Poesie die Kunst versteht, uns durch einen freien Effekt unsererproduktiven Einbildungskraft in bestimmte Empfindungen zuversetzen, — denn diese Definition paßt ebenso auf die Malerei wie ausdie Musik.
Die bildenden Künste der Malerei, Bildhauerei und Baukunst führen ihreAnschauung in unbelebten, plastischen Stoffen vor. Die Musik fixiert ihre An-schauung fürs Ohr in bewegten Tönen, der Tanz und die Schauspielkunstfürs Auge in beweglicher Gestalt des lebenden Körpers. Die Poesie oder dieKunst der idealen Vorstellungen bedient sich des Abdrucks der innern Anschauung— der Sprache. Schiller sagt von ihr in „Huldigung der Künste":
Ihr unermeßlich Reich ist der Gedanke
Und ihr geflügelt Werkzeug ist das Wort, — ^
und Goethe (in Torquato Tasso 5. 5) meint, dem Dichter allein unter denKünstlern habe ein Gott gegeben zu sagen, was er leide.