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Da die Poesie die plastische Anschaulichkeit der sämmtlichen bildendenKünste mit der Innerlichkeit der Musik vereint, muß sie als Perle unter denschönen Künsten gelten oder, wie Bischer sagt, als Totalität der Künste,als die Kunst der Künste. Die Verbindung des leichtesten Darstellungs-mittels (Sprache) mit dem umfassendsten Darstellungsinhalt (der gesammtenVorstellungswelt) erhebt sie zur höchsten aller Künste. Lemcke sagt treffendvon ihr (an den Dialog „Phädrus" von Platon erinnernd): »
Kennst du das Wesen der Poesie?
Es ist die menschliche Göttlichkeit,
Mit den Geistesschwingen der Phantasie,
Mit der Gottheit tugendreinem Kleid.
Es hämmert und pocht das Herz den Takt,
Es fliegen die Pulse, es zuckt die Brust,
Wenn die Gewalt der Dichtung uns packtMit süßem Leid und bittrer Lust.
Vor des Einsamen losem ProphetenblickEntsteht der Gottheit Ideal,
Er fühlt ein überschwenglich Glück,
Der Gottheit seligen Schöpserstrahl.
Die Nähe der Gottheit ist Poesie;
Ein Schauer durchrieselt' Mark und Bein,
Und Verse sind himmlische Melodie,
Die wiegen das thörichte Herz dir ein.
Die Sprache der Poesie gleicht dem sonnenbeglänzten blumigen Wiesen-teppich; sie schmückt sich mit jeder Zier, um das vollendete Bild des Schönenzu sein. Daher sind dieAusschmückungsmittel: Tropen, Figuren,Reim rc. Gegenstände der Poetik.
Der Naturmensch stimmte mit dem ersten Gebrauch der Töne sein Lied an, zuwelchem ihm die Natur den Text lieferte. Die erste Poesie war also rein lyrischund individuell. Die epischen Formen entfalteten sich, als die Ereignisse desLebens Stoff zum Besingen boten. Diese erste Poesie war Natur- oder Volks-poesie. Erst nach langer Übung gewann man die Fähigkeit, das ewig Schöneregelrecht darzustellen, die Idee des Schönen kunstvoll zu verkörpern. Es entstanddie Kunstpoesie. Sie ist die zielbewußte Poesie, die einen idealenGedanken erfaßt und ihn darstellt. Ein solcher idealer Gedanke ist z. B. die wunder-bare Macht des Gesanges, welche göttlichen Ursprungs ist und über Vernichtungund Unsterblichkeit gebietet. Uhland hat diese herrliche Idee veranschaulichtin der einfachen, aber großartigen Komposition seiner Ballade „Des SängersFluch", welche durch ihre plastische Anschaulichkeit, sowie durch das Erschütterndedes Stoffes und der mit anmutendstem Wohllaut vereinten Gewalt der Sprachejeden fesseln wird. — Ein solcher idealer Gedanke ist beispielshalber auch dieAnschauung Rückerts, daß Deutschlands Macht in seiner Einheit liege. Er ver-körpert diesen Gedanken z. B. in „der hohlen Weide", wie namentlich in den „drei