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Gesellen", in welchen er zeigt, daß wir weder Preußen noch Österreicher, sonderneben nur Deutsche sein dürfen, wenn wir andern Nationen ebenbürtig gegen-über stehen wollen.
Zum Kunstwerk des Kunstgedichts gehört beides: Die schöne Formund der schöne Inhalt.
Grundstein zwar ist der Gehalt,
' Doch der Schlußstein die Gestalt.
sagt Rückert. Und Geibel:
Die schöne Form macht kein Gedicht,
Der schöne Gedanke thuts auch noch nicht;
Es kommt drauf an, daß Leib und SeeleZur guten Stunde sich vermähle.
Die Poesie nimmt ihre Stosse aus allen Gebieten der Welt, wie desGeistes- und Gefühlslebens. Ihr weites Feld ist vor allem der Menschen-geist, das große Gebiet der Gedanken und des Gemüts. Indem sie solcheStoffe wählt, will sie nicht belehren, nicht erklären, nicht begründen, nicht ein-teilen, wie es der Denker erstrebt. Nicht dem Wahren dient sie, wenn siees auch keineswegs verletzen will. Es ist ihr nur nicht Zweck, nur Konsequenz,denn auS Schönheit erblüht die Wahrheit. Die höchste Wahrheit anderseitsist die höchste Schönheit. Die Poesie will vor allem der Spiegel des Herzenssein, der Widerschein des verklärt entgegen tretenden Lebens. Dadurch erreichtsie doch indirekt die nicht beabsichtigte Belehrung, dadurch wirkt sie anregendauf unser Thun, sittlich-bildend, verschönend-versöhnend. Dadurch gewährt siereinen Genuß.
Das Darstellungsmittel der Sprache gestattet die Ausrottung des im stätenWerden begriffenen Poesiebildes, dessen Zweck ist, erhalten zu bleiben, um inseiner Darstellungsform bei dem Betrachtenden wieder die schöpferisch bewegendeAnschauung zu erzeugen, — um zu erfreuen. Zweck der Poesie ist also —Hinführung zum Schönen. — Eine Hauptforderung ist das Maßhalten,denn durch das Maß verkörpert sich das Schöne in der Begrenzung. So-phokles wußte das klassische Maß inne zu halten. Die Dichter der schlesischenSchule G 18 ) und die Romantiker wie auch die Jungdeutschen überschrittenes zuweilen. Goethe, Schiller, Rückert, Platen, Uhland, Gottschall, Geibel rc.zeigten, daß unsere Sprache, wie die griechische, zur Höhe des Schönen rechtwohl gelangen könne. — Die Darstellungsform verlangt rhythmische Gliederungund metrische Gestalt. Die metrische Gestalt ist die Berbindungskette zwischenPoesie, Musik und Tanz. Da wo sich Poesie und Musik trennten, sind pro-saische Romane und Dramen entstanden. In der antiken Poesie herrscht Ein-heit, bei uns deckt Mannigfaltigkeit die Einheit. Den Griechen genügteder Rhythmus (gesetzmäßiger Wechsel von Längen und Kürzen); wir verlangennoch dazu die bunteste Ausschmückung z. B. durch Allitteration, Assonanz,Reim rc. Die Alten konnten etwa ein Epigramm mit einer Zeile bilden;bei uns verlangt jeder Vers wenigstens noch einen zweiten, weshalb infolge