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Hier ist anschauliche Malerei, dichterische Malerei, die in jederZeile den ganzen Menschen zeigt, in jeder Zeile ein Bild giebt. Der Malerkann nur Teile aus der Schlacht geben, der Dichter schildert die Schlacht inihrer Vorbereitung, in ihrem Beginn, ihrem Werden und Verlauf. Er hatden Vorzug, den objektiven Gegenstand mit der subjektiven Anschauung über-hauchen zu können. ,
Wie ergreifend weih der Dichter selbst Einsamkeit und Stille und derenEindruck auf Gemüt und Phantasie seinem Gemälde auszuhauchen: Wie an-schaulich weiß er dem Bewußtsein nahe zu bringen: 1. leise, meist unbeachteteKlänge (Die Grillen, noch im Stillen zirpen. Salis), 2. jenes laute Geräusch,das in der Regel überhört wird (z. B. fernes Glockengeläute)!
Beispiel zu 1.
Wie der Vogel auf dem Baum,
Der sich müd am Tage sangNur noch zwitschert leis' im Traum,
Daß es in der Nacht verklang:
Also werden meine LiederLeiser gegen meine Nacht,
Und die läutern sing ich wieder,
Wenn mein neuer Tag erwacht.
(Rückert.)
Vgl. noch den Löwenritt von Freiligrath, dieses anschauliche Gemäldeeiner mondbeglänzten öden Sandwüste mit der so schauerlichen Episode ausdem Tierleben (Und das Herz des flüchtgen Tieres hört die stille Wüsteklopfen). Ebenso: Die Vögelein schweigen im Walde. (Goethe.)
Beispiel zu 2.
Das ist der Tag des Herrn!
Ich bin allein auf weiter Flur.
Noch Eine Morgenglocke nur,
Nun Stille nah und fern-
(Uhland.)
Der Maler bedarf eines materiellen Stoffes, während der Dichter seineAnschauung in hörbar werdenden Worten bildet, die selbstverständlich wohl-lautend sein müssen.
Dafür ist das dichterische progressiv und successiv fortschreitende Kunstwerkverhallend, vorübergehend, während das fixierte Gemälde, wie alle bildendeKunst, Dauer im Wechsel hat. Die Malerei, deren sich der Dichter bedient,teilt das Schicksal des poetischen Kunstwerks. Dafür ermöglicht sie die Ver-bindung mit der Musik in der sog. rhythmischen Malerei.
Wie auf der griechischen Bühne Musik, Poesie und Tanz insofern ver-bunden waren, als der tanzende Chor seine Lieder sang, und wie es in früherenJahrhunderten auch mit der deutschen Poesie war, so treten Musik und Malereizur Poesie in der rhythmischen Malerei in ein Verhältnis, den Empfindungenund Gefühlen der Poesie ein sinnliches Substrat verleihend.