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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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Lessing hat in seinem BucheLaokoon, oder über die Grenzender Malerei und Poesie (1766)" den Unterschied der bildenden Kunst undinsbesondere der Malerei und der Poesie dargethan und die umfassende Aus-gabe der letzteren gezeigt; namentlich hat er darauf hingewiesen, wie diebildende Kunst nur einen einzigen Moment festhalten kann, um denselben deräußeren Anschauung vorzuführen, wie dagegen die Poesie eine ganze Reihesolcher in ihrem Nacheinander den Verlauf einer Handlung bildender Mo-mente zur inneren Anschauung zu bringen vermag, wie sie ebenfalls Bilderschafft, die wir mit der Phantasie umfassen und reproduzierend in uns wieder-bilden, wie also die Poesie zugleich auch als eine Art Malerei auf dem malerischenPrinzip beruhe. Man lese ihn!

9. Poesie und Prosa.

Dem Worte Poesie (gebundene Rede ^ orntio uIliZutg. meti'is)setzt man gewöhnlich die Prosa entgegen. Sie ist der durch Phantasiewenig veränderte sprachliche Ausdruck der Lebenswirklichkeit, der Be-griffe und des Willens. Das Wort Prosa kommt her von prvrsn(aus provsrsu orutio, geradeausgehende, durch die Hemmnisse der Me-trik nicht gehinderte Rede), d. i. --- ungekünstelte Rede, ungebundene,gelöste (orutio solutu), zu Fuß gehende (oratio psässtris). Prosa istalso die Rede, wie sie im gewöhnlichen Leben gesprochen wird.

Poesie und Prosa haben mit einander das Darstellungsmittel die Sprache gemein. Aber bei der Poesie wird von der sprachlichen Dar-stellung insbesondere Schönheit gefordert, während das Hauptgesetz der ProsaVerständlichkeit und Deutlichkeit ist; dort ist die Phantasie, hier derVerstand vorherrschend. Die Poesie will mehr auf Gemüt und Phantasiewirken als auf Verständ und Willen. Die Poesie giebt das Empfundene,die Prosa das Gedachte. Deshalb zeichnet sich auch die Poesie durch schönemetrische Gestaltung aus. Bei der Prosa ist metrische Form ausgeschlossen;die Perioden und Sätze haben sich lediglich durch Klarheit auszuzeichnen, wozuallerdings bei einer stilvollen Prosa (z. B. in Reden) auch ein Analogondes Rhythmus (der oratorische) und eine architektonische Gliederung des Satz-baues kommt.

Das Ideale ist für die Poesie; das Reale, Verstandesmäßige fürdie Prosa. Wer nicht im Stande ist, das Leben von feiner idealen Seitezu malen, ideal zu sehen, ideal zu denken, der schildert eben in Prosa. EinSchriftsteller, der sich alle erdenkliche Mühe giebt, uns ein nacktes Bildder Stube, der Küche, des Stalles und der Düngergrube zu geben, in diesich noch die Dienstmädchen hineinstoßen (vgl. Jeremias Gotthelf: Uli derKnecht), schreibt Prosa. Der Romanschriftsteller, der in 4 Bänden ein Religion» -geheimnis entrollt und mit derselben umständlichen Breite ohne idealen Geistes-flug erzählt, er schreibt Prosa. Der Historiker, der nicht erfindet, dessen