33
Masten begreifen, um poetische Bilder wahr zu machen, um enthüllte Gesetzeder Natur einzuflechten, um das Ideal dichterisch anzudeuten, nach dem dieNation zu steuern hat. Uhland äußerte in dieser Beziehung einmal sehr treffendzu Professor Chr. Schwab: „Große Dichter wirken nicht nur durch ihre Poesie,sie ziehen auch andere, eigentlich der Poesie fremde Gebiete, wie Philosophie,Geschichte, Naturwissenschaft in ihren Gesichtskreis, wecken dadurch Interesse undimponieren." Über die Poesie herrschten namentlich zur Zeit der Romantikerso verschwommene Ansichten, daß ein Dichter, welcher der Uhlandschen Forderunghätte genügen wollen, in Gefahr kam, als nicht geborenes Genie verketzert zuwerden. Er sollte aus leerem, Kantisch reinem Genie ein Weltbild ausNichts schaffen, bei Mondscheinbeleuchtung schwärmen, am Fluß, im Hainefabulieren und diese Gedanken aufs Papier werfen, leicht, flüssig, — genial!Man liebte und glaubte eben an die aus Nichts schaffende Wunderthätigkeitdes geborenen Genies. Jordan sagt: „In unserer gewaltigen Epoche des durchwissenschaftliche Erkenntnis triumphierenden Menschengeistes war die Poesie zueinem Spiel mit liebenswürdigen Kleinigkeiten ausgeartet, es war ihr fastmythisch geworden, daß auch sie wie jede andere Kunst die ungeteilte Kraft,den angestrengten Fleiß eines Lebens für sich allein verlange, daßsie nicht minder als Architektur, Malerei, Skulptur, Musik eine mühselige Technik,eine Schule des Handwerks erfordere, und eben deshalb gleich notwendig wiediese Künste als alleiniger Lebensberuf zugleich ein Gewerbe sein müsse."
Wir schließen diese Erörterung durch Mitteilung der vom Begründer derpoetischen Satire Joachim Rachel M1669) schon im 17. Jahrhundert an denDichter gerichteten Anforderungen, die manches Zutreffende auch für unsere Zeitenthalten. (Wer die Quellen nachlesen will, findet Belege für unsere Ansichtbei Plato, Aristoteles, Boileau u. A. Über erstere vgl. E. Müllers Geschichteder Theorie der Kunst bei den Alten. Bd. I, S. 90 ff. und Bd. II, S. 109 ff.)
Der Poet.
Wer ein Poet will sein, der sei ein solcher Mann,
Der mehr als Worte nur und Reime machen kann,
Der aus den Römern weiß, den Griechen hat gesehen,
Was für gelahrt, beredt und sinnreich kann bestehen;
Der nicht die Zunge nur nach seinem Willen rührt,
Der Vorrat im Gehirn und Salz im Munde führt;
Der durch den bleichen Fleiß aus Schriften hat erfahren,
Was Merkliches ist geschehn vor vielmal hundert Jahren,
Der guten Wissenschaft mit Fleiß hat nachgedacht,
Mehr Öl, als Wein verzehrt, bemüht zu Mitternacht;
Der endlich aus sich selbst was vorzubringen waget,
Das kein Mensch hat gedacht, kein Mund zuvor gesaget;
Folgt zwar dem Besten nach, doch außer Dieberei,
Daß er dem Höchsten gleich, doch selber Meister sei.
Dazu gemeines Ding und kahle Fratzen meidet,
Und die Erfindung auch mit schönen Worten kleidet,
Der keinen lahmen Vers läßt unterm Hausen gehn,
Viel lieber zwanzig würgt, die nicht für gut besteh».
Beyer, Deutsche Poetik I.
3