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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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Nun wer sich solch ein Mann mit Recht will lassen nennen,Der muß kein Narr nicht sein, so wohl was Gutes können,Als unser Tadelgern, der neugeborne Held,

Der nicht geringen Mut und Titul hat für Geld.

Geh wie Diogenes des Tages bei den Flammen,

Und bringe dieser Art, so viel du kannst, zusammen;

Setz gute Brillen auf, für eine zweimal drei,

Komm dann und sage mir, wie teu'r das Hundert sei.

Es werden kaum so viel sich finden aller Orten,

Als Nilus Thüren hat, und Thebe schöne Pforten;

So viel du Finger hast, die Daumen ohngezählt,

Im Fall dir einer noch vom ganzen Haufen fehlt.

Zwar tausend werden sich und vielmal tausend finden,

Die abgezählte Wort' in Reime können binden;

Des Zeuges ist so viel,, als Fliegen in der Welt,

Wann aus der heißen Lust kein Schnee noch Hagel fällt.

Auf einem Hochzeitmahl da kommen oft geflogenDes künstlichen Papiers bei vier und zwanzig Bogen,

Ein schöner Vorrat traun, bevorab zu der Zeit,

Wann etwa Heu und Stroh nicht allzuwohl gedeiht.

Kein Kindlein wird gebor'n: es müssen Verse fließen,

Die oft so richtig gehn und treten auf den Füßen,

Als wie das Kindlein selbst, die (wie es ist bekannt)

Auch haben gleichen Witz und kindischen Verstand.

Stirbt jemand, so muß auch des Druckers Arbeit sterben,Wiewohl dem Drucker nicht so schädlich, wie den Erben.

Bald kommt der Dichter selbst, erwartet bei der ThürDes Halses süßen Trost, der Faust und Kunst Gebühr.

Nun eben diese sinds, die guten Ruhm beschmeißen,

Dies Lumpenvölklein will (mit Gunst) Poeten heißen,

Das nie was Guts gelernt, das niemals den VerstandHat auf was Wichtiges und Redliches gewandt;

Die nichts, denn Worte nur zu Markte können tragen,

Zur Hochzeit faulen Scherz, bei Leichen lauter Klagen,

Bei Herren eitlen Ruhm, dran keiner Weisheit Spur,

Kein Salz noch Essig ist, als bloß der Fuchsschwanz nur.Drum dürfen sich auch wohl in diesen Orden stecken,

Die niemals was gethan, als nur die Feder lecken.

Ein Schriftling, der kein Buch, als deutsch hat durchgesehn,Will endlich ein Poet und für gelahrt bestehn.

tz 13. Die Veit und ihr Einfluß auf den Mustler.

Jede Kunst ist das Resultat ihres bestimmten Jahrhunderts undtragt die Signatur desselben. Jedes Jahrhundert hat seine bestimmteSumme von Erfahrungen wie von Können. Die Summe des Könnensund der Einsicht bedingt die Bildungshöhe des Jahrhunderts, seinetheoretische und praktische Vernunft, wie seine Kunst. Keine Form istewig. Jede hat ihre Zeit, zu der sie paßt, in der sie wirkt, und wiederihre Zeit, wo sie dem Dränge des neuen Lebens dem gewordenenGenie weichen muß. Das Genie, das die Bildungshöhe des Jahr-