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Hunderts überragt und schöpferisch, tonangebend für's folgende Jahr-hundert wird, wirst seinen Lichtglanz gleich einer Sonne weit vorausauf die folgenden Jahrhunderte. Die Durchschnitts - Vernunft desJahrhunderts begreift das Genie nur in seltenen Fällen, und dochist es nur aus dem Einfluß der Zeit und des Jahrhunderts erblüht.
Es ist hier der Ort, dies an einigen Bahnbrechern und Revolutionärenauf den Gebieten der Kunst in der Gegenwart generell nachzuweisen und derenAbhängigkeit von der Zeit und ihre Bedeutung für die Zukunft zu würdigen,zugleich auch dadurch das Gemeinsame des Fortschritts aller Künste in unsererZeit zu illustrieren, endlich darzuthun, wie die bahnbrechenden, gewordenenGenies der unserem kritischen Blick zugänglichen Gegenwart in ihrer vorbild-lichen Thätigkeit sich gleichen.
Die neueste Zeit ist eine Zeit der Unruhe, des Drängens und Treibensauf allen Gebieten, des alten und des neuen Glaubens, der Erfindungenund industriellen Umwälzungen. Was Wunder, daß auch die Kunst zur Deckungihres Deficits an Muße die allgemeine Unruhe als Element in sich aufnimmt?Wir greifen drei beliebige Vertreter heraus, wobei wir freilich — ohne die Be-kanntschaft mit deren Werken voraussetzen zu können — anticipierend von denletzteren ausgehen müßen, um den Schein willkürlicher Abstraktion zu meiden.Man betrachte also beispielsweise unter den Dichtern neuerer Bestrebungenden empordrängenden Hamerling, der wie ein umgekehrter, aus dem Reicheder Erscheinungen in s Reich der Skepsis dringender Faust erscheint. Manbeachte ferner die sinnliche Derbheit unserer materialistischen Zeit in ihrem Ein-flüsse auf die ersten Gemälde des koloristischen Reformators Makart; manwürdige endlich den Einfluß der Zeit bei Richard Wagner, der mit seinemgrandiosen Werk „Ring des Nibelungen" vom heutigen Theater sich lossagte.Welch bewegtes Hasten, Erhitzen, Ringen, welch ruheloses fieberhaftes Hindrängender Dissonanzen zu Konsonanzen, der scheinbaren Melodielofigkeit zur Melodie!Welch höchste Häufung und Steigerung der Mittel, welch luxuriöses Kolorit!Hamerling ist ein aus der Zeit geborener, sie überragender philosophischerDenker und Dichter; bewundernswert durch Kühnheit und Großartigkeit derPhantasie. Makart ist der vom wilden Naturalismus zum Gedanken sichemporwühlende, kulturhistorische Maler seiner Zeit, der durch seinen Farben-reiz selbst Piloty hinter sich läßt und der Zukunft durch die Bravourdes koloristischen Vortrags (ich erinnere an seine Bilder Abundantia, Tod-sünden, Katharina Cornaro, Die fünf Sinne, Karl V., Kleopatra) neuekoloristische Bahnen zeigt; W a g n e r endlich ist der Dichterkomponist, der nach Artseiner Zeit die Gefühle in Gedanken umsetzt, indem sein Weg zum Herzendurch den Kopf geht. Die Übereinstimmung dieser drei Revolutionäre undihre Wirkung liegt im großen Stil, in dem sie auftreten, in der Mafien -wirknng, im philosophischen Überwältigen des Herkömmlichen, in der breitenPmselführung, im koloristischen Zauber, in der schneidenden unverhüllten Be-stimmtheit des Ausdrucks.