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Mendelssohn, welcher Einheit im Mannigfaltigen als den Charakter derSchönheit angab, oder Hogarth, der die Wellenlinie für die Quelle derSchönheit hielt, oder Burke, welcher meint, das Schöne werde in den Sinnes-werkzeugen allein empfunden, den Begriff des Schönen ganz erschöpft, in welcherBeziehung erst Kant und der ideale Hegel (Z 19) dem Wesen desselbenam nächsten kamen.
Zur vollen Erkenntnis leitet unzweifelhaft der einfache Weg natur-wissenschaftlicher Empirie und Prüfung. Unsere Empfindungen in ihren Äuße-rungen manifestieren sich in ihrem Verhalten zum Schönen als Gefallen oderMißfallen. — Das den höheren Sinnen des Gesichts und Gehörs GebildeterWohlgefällige ist somit das Schöne. Obwohl das Schöne mit dem Gutenverbunden sein kann, hat das Schöne nichts mit diesem zu thun. (Z. B.entscheidet bei Beurteilung der Schönheit des menschlichen Körpers nur derSchein, ------ die Erscheinung-, das Äußere.)
2. Bei Bestimmung des Schönen kommt es auf das Verhältnis des Be-urteilenden zum Objekt an, das beurteilt wird. Die Übereinstimmung bewirktLiebe und Freude am Schönen, also Anziehung; die Nichtübereinstimmungbewirkt Abscheu, Mißfallen, Widerwillen, also Abstoßung. — Anziehen undAbstoßen des Schönen und des Häßlichen lassen zwei Punkte erkennen, inwelchen beides aufgehoben zusein scheint: Das Unbedeutende und dasGleichgültige. Wenn das Schöne das absolut Maßvolle ist, so muß dasHäßliche das absolut Maßlose sein.
3. Zwischen dem Schönen und dem Häßlichen als Polen stehen dasFurchtbare und das Lachbare (nicht Lächerliche) sich gegenüber. Das Furcht-bare erhebt sich in der Wage ebenso hoch über das Maß unserer ästhetischenKraft, als das Lachbare unter dasselbe fällt. So werden das Furchtbareund das Lachbare in ihrem Verhältnisse zum Schönen zu ästhetischen Grund-begriffen, von denen jeder durch Zwischenstufen entweder zum Schönen empor-leitet oder zum Häßlichen niederführt. Solche Zstischenempfindungen in derWindrose des absolut Schönen sind: 1. das Schönfurchtbare (das Schöneeinerseits, die Furcht andererseits, was wir Erhabenes nennen, das wiruns als Trost denken, soweit wir ihm durch Liebe verwandt sind, das wiraber fürchten, wenn wir das Aufhören der Liebe vermuten). 2. Das Furcht-bar-Häßliche (Furcht und Ekel in ihrem Zusammentreffen bewirken dasGrausige, Scheußliche, — oder bei Gleichgültigkeit — das Niedere als Gegen-satz zum Erhabenen). 3. Das Lach bar-Schöne (es ist das Reizende, dasuns fesselt, das uns aber doch nicht mit der magnetischen Gewalt des reinSchönen anzieht).
Weitere leicht einzureihende und zu definierende Abstufungen sind noch dasHerrliche, das Schönerhabene, das Gewaltige, Entsetzliche,Schreckliche, Gemeine, Liebliche u. s. w.
So entsteht eine Skala von dunklen Empfindungen, welchen selbstredend diein Begriffe umzusetzenden Empfindungen als klare, klar gewordene Gefühle ent-
Bey er, Deutsche Poetik. I. 6