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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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Übergang in's Erhabene empfunden. Ich erinnere an den imponierenden Vorder-körper des Löwen; an den gotischen Turm und das sich anschließende, demLöwenkörper von der Seite ähnelnde Langhaus; an den kleineren Teil in derLavkvonsgruppe (der sterbende Sohn, der den größeren Teil durch die Bedeutungaufwiegt). Im Drama besteht ein gleiches Verhältnis. Man beachte nur diebeiden letzten Akte im Verhältnis zu den drei vorhergehenden. Im lyrischenGedicht hält der kurze Abgesang den beiden Stollen des Aufgesangs die Wage;in der Priamel die zusammenfassende letzte Verszeile allen übrigen vorhergehen-den. Man vergleiche auch das Epigramm; allenfalls auch den Refrain in derStrophe. Im zusammengesetzten Satz zeigt sich das maßersetzende Gewicht imbedeutungsvollen Nachsatz. Ein einzelnes Wort kann eine langatmige Periodeaufwiegen. Im Verstakt wie im Worttakt hält eine Hebung () beliebig

vielen Senkungen (wv) die Wagschale. Man vgl. Worte wie herrlichere,

bessere, Fürstlichkeiten rc. Dies ist bei Bildung von Accentversen ungemein

wichtig.

tz 22. Verhältnis des Ästhetischen ;um Ethischen.

Ein wesentliches ästhetisches Moment liegt in der Harmonie zwischenWesen und Erscheinung, zwischen Inhalt, Tendenz und Form. DieKunst hat darauf Rücksicht zu nehmen bei Vernichtung des Stoffesdurch die Form oder bei Verarbeitung des rohen Stoffes in dieästhetische Erscheinung.

Jeder Künstler muß durch ästhetische Kraft, Reinheit, Heiligkeit des künst-lerischen Sinnes wirken. So wird unter seinen Händen zum Meisterwerk sichgestalten, was vom Stümper herrührend schamlos, abscheulich erscheint. Umein Beispiel zu geben, so muß der Dramendichter die objektive Erscheinunggeben, ohne den Beschauer ethisch zu bestimmen und ihm dadurch die ungetrübteFreiheit ästhetischer Beurteilung zu rauben; er stellt sich sonst unter das ethischeMaß und verwirrt die ästhetische Beurteilung seiner Dichtung durch dieethische. Daß die Tendenz eines schönen vollendeten Gedichts für die sitt-liche Haltung gefährlich sei, darf uns das ästhetische Wohlgefallen an demselbennicht alterieren. Die Bösewichte Edmund (im König, Lear), Karl Moor (i»den Räubern), Macbeth rc. sind ästhetisch viel bedeutender als angekränkelte,sentimental abgeblaßte, langweilende Tugendhelden oder Amaranthnaturen.Das Gute, welches man nach seinen drei Hauptformen der Unschuld, derPflicht und des sittlichen Kampfes aufzufassen hat, ist eben nicht deshalb lobens-wert, weil es gut, sondern weil es schön ist; das Böse ist nicht deshalbhassenswert, weil es schlecht, sondern weil es häßlich ist. Da das Schönedem Stoffartigen entrückt sein kann, so vermag es die Unschuld freier zu ent-falten, als dies im Guten geschehen kann. Daher ist auch das Schöne überdie dem gemeinen Leben der künstlerischen Unbildung umgezeichneten Grenzen