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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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sührung schon (Mai 1824 zu Wien) einen solch heiteren Jubel hervor, daßsekundenlang kein Ton im starken Orchester zu hören war. Mendelssohn,Rubinstein rc. traten in Beethovens Bahn. Heute hat man die klassischen Adagiosuntergehen lassen, da unsere dramatisch hastende Zeit keine Muße für dieselbenhat; aber man liebt es, in rauschenden ot>er sommernachtstraum-flüsterndenScherzos zu glänzen und durch edle Pathetik Beethovenscher Würde und Hoheitnachzustreben. In der Oper hat Wagner im Beckmeister der Meistersängereine musikalisch-dramatische Figur- voller Komik geschaffen; auch im Mime,Sachs, Wotan hat er viele komische Momente gegeben, ebenso im Meistersänger-vorspiel rc. -

Anm: Über Spott, Witz, Humor rc. schreibt Herm. Marggraff:Spottist der Witz eines dummen oder gemeinen Menschen; Witz der Spott einesfeinen Kopfes oder Gesellschaftsmannes; Ironie der Witz eines tieferen Den-kers, und Humor die Ironie eines Poeten. Spott ist ein plumper Faust-schlag, der Beulen zurückläßt; Witz ist ein Nadelstich, der mehr oder wenigertief in's Fleisch dringt; Ironie ein Ritz wie von Dornen unter Rosen; Humordas Pflaster, das gegen alle diese Wunden hilft. Gegen den Spott hat dergeistreiche Mann keine Waffen; der Witz fordert ihn zum Widerstand heraus;mit der Ironie unterhandelt er auf Kapitulation; der Humor bringt ihn zurfreiwilligen Unterwerfung. Der Spott kommt aus dem Fleischlichen, der Witzaus dem Verstände, die Ironie aus dem Geiste und der Humor aus demGemüte; er ist ein Lächeln durch Thränen!" (Das Letztere erinnert an Jean Paul.)

Die poetische Sprache.

K 26 . Anforderungen des Schönen an poetische Sprache und

poetischen Stil.

Der Stil des Verstandes (die Prosa) verlangt Deutlichkeitund Verständlichkeit. Der Stil der Einbildungskraft (die Poesie),der seinen Accent in die Sinnlichkeit und Lebendigkeit des Ausdruckslegt, kann zwar der Deutlichkeit und Verständlichkeit nicht entraten,aber er richtet sein Augenmerk aus Anschaulichkeit und Kunstordnung,da ihm das Schöne oberstes Gesetz ist.

Hierzu gehört die Beachtung der nachstehenden Anforderungen:

1. Ordnung, Treue, Vollständigkeit, Kürze.

Ordnung. Sie manifestiert sich in der Anordnung der durch den Stoffbedingten Teile des Gedichts. (Vgl. als Beispiel H 25. S. 95d. B.) Analytischheißt sie, wenn ein Gegenstand in seine einzelnen Teile aufgelöst wird, syn-thetisch, wenn er aus seinen Teilen zusammengefügt wird. Eine Vermischungdes Analytischen mit dem Synthetischen ist unschön (Ineiäug oräo ok. HörLxust. 2. 3, 41 ff.)