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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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Treue. Sie fordert die Beachtung der Wahrheit, wenn auch die Wahr-heit nicht das höchste Ziel der Schönheit ist. Das Idealisieren steht mit derTreue nicht im Widerspruch, wohl aber der Ausdruck des Unwahrscheinlichen.

Vollständigkeit. Sie verlangt Erschöpfung der Merkmale einesGegenstandes und ist eine wesentliche Forderung namentlich in der epischenPoesie, also in Schilderungen, Beschreibungen.

Kürze. Die Kürze fordert Beschränkung auf das Wesentliche. Sie ver-meidet daher: u. die Tautologie, d. i. die Wortnämlichkeit oderdie Bezeichnung eines Gedankens durch mehrere gleichbedeutende Ausdrücke, z. B.Er thut mir kund und zu wissen, b. Den Pleonasmus, d. i. Über-füllung mit überflüssigen, nur zur Vermehrung der Anschaulichkeit gebrauchtenAusschmückungen, z. B. nasser Regen. o. Die Tiraden, d. i. nichts-sagende, überflüssige Verlängerungen, z. B. da er sich nicht konnte raten, ließRatgeber er sich kommen, daß sie Rat ihm sollten bringen.

2. Bestimmtheit, Deutlichkeit, Klarheit des Begriffs.

Bestimmtheit. (LxrioloZis, das xroprlnm, der treffendste Aus-druck für die Sache.) Sie verlangt Vermeidung der Weitschweifigkeit und desWortschwulstes. (Bombast ^ Wortschwulst, geschwollener Stil, bombastisch^ schwülstig ist die englische, eigentlich vom mittellatemischen boinbax - - Baum-wolle herrührende Bezeichnung.)

Deutlichkeit. Sie verbietet u) jede Zweideutigkeit und Undeutlichkeit,d. h.' Dunkelheit des Ausdrucks sowohl in Worten, wie im Satz und dessenVerbindung; daher auch jegliches Kauderwelsch. (Das Wort stammtvom oberdeutschen Worte kaudern, d. i. undeutlich sich ausdrücken, undwelsch, d. i. fremdländisch; es bezeichnet sowohl eine durch schlechte Aussprache,durch verkehrte und falsche Form, durch Vermengung mit fremden Ausdrückenundeutlich gewordene Sprache, wie jeden verworrenen undeutlichen Satz.)d) denGallimathias (dallus Natluae --- der Hahn des Mathias, welcheBenennung angeblich ein Sachwalter in der Verwirrung als duIIi-Nattüius ver-stellte. Man bezeichnet damit jedes Wortgewirr, jeden Unsinn).

Klarheit des Begriffs. Sie fordert Beschränkung auf das Wesent-liche, weshalb sie z. B. den Phöbus verbietet. (Das Wort Phöbusvom Sonnengott genommen bedeutet hochfliegende, überschwengliche Worte,z. B. die heiße Rührung vertrocknet die Tinte meiner Feder.) Der Ungeschmack,den die Franzosen kliedus, die Italiener Narinisinus, die Spanier donZo-lismus, die Engländer Luxlluiswus nennen, besteht größtenteils im Miß-brauch der Metaphern. (Vgl. Katachresen Z 41, 4.)

3. Natürlichkeit.

Sie schließt alles Erkünstelte, Schwerfällige, Geschraubte, Ge-zwungene, Affektierte aus und verlangt eine leichte Verschmelzung dereinzelnen Teile, wie uns diese in den organischen Formen der Naturentgegentritt.