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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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ä. Ach das Thal noch kahl zumal,

Weil noch licht, weil dicht noch nicht.

Frühling thu dazu im Nu. (Rückert.)

9. Der Anfangsreim.

Er reimt die Anfangsworte der Verse, und zwar gepaart undgekreuzt.

Wie der Kettenreim und das Echo ist er selbst in der Hand des besserenDichters eine Art Spielerei, da ja der Sinn am Anfang des Verses noch keinenEindruck gewonnen haben kann. Die Aufmerksamkeit ist am Anfang auf dasKommende gerichtet, weshalb ein Ruhepunkt an der Spitze der Strophe hemmendempfunden werden muß.

Er tritt ebenso allein als in Verbindung mit dem Endreim auf.Beispiele:

n. Gepaarte Anfangsreime.

Leben wollen sie, wie die Herrn,

Geben wollen sie niemals gern.

Alt und jung ist nicht beisammen,

Kalt und warm macht keine Flammen.

Rote Lippen lieben nichtTote Färb' im Angesicht.

b. Gekreuzte und unterbrochene Anfangsreime.

«. Da sackt man auf,

Und brennt das Haus,

. Da packt man auf,

Und rennt hinaus. (Goethe.)

hi. Zage nicht, wenn dich der grimme Tod will schrecken,

Er erliegt dem, der ihn antritt ohne Zagen.

Jage nicht das flücht'ge Reh des Weltgenusses;

Denn es wird ein Leu und wird den Jäger jagen. (Rückert.)

I'. Gelungen ist mir, was noch keinem je gelang;

Daß jedem Wünscher nun sein Wunsch gelinge!

Berdungen hatt'ich mich um Lohn, den ich bedang,

Allein die Liebste hielt nicht die Bedinge.

Gedrungen war ihr nicht an's Herz, was mich durchdrang;

Wer hofft, daß einen Stein ein Ach durchginge?

Umschlungen war ich, ohne daß ich selbst umschlang;

Um meinen Geist war ihrer Locken Schlinge.

Erklungen war mein Sein von ihrer Stimme Klang,

Und zitterte, daß es mit ihr verklinge.

(Vgl. hierzu das Beispiel H 48. 2:Was singt und sagt ihr" rc.) '

e. Anfang und Schluß des Verses reimen:

«. Schnaube, Winterwind, entlaubeNur die Zierden dieser Flur!

Schmettre nieder und entblättreDoch, was dir will trotzen noch.

Beher, Deutsche Poetik. I.

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