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Ganz in Unschuld, Lieb und Güte glühte die Wange dir rc.
(Platen, 12. Ghasel.)
Als ein Beispiel der Verwendung des Binnenreims zur Lautmalerei istneben dem Goetheschen Hochzeitliede das unter Lautmalerei (Z 28) gegebene vonClemens Brentano („Es sauset und brauset das Tambourin") zu erwähnen.Der Lernende möge sür Würdigung der Lautmalerei Goethes aus dem Hochzeit-lied I. 156 ersehen, wie durch die Wiederholung desselben Klangs in denWörtern knistern, flistern,' dappeln, rappeln rc. eine treue Nachahmung desnächtlich unsicheren und verworrenen Spukgetöses entsteht u. s. w., wie somitder Dichter-Künstler im Binnenreim ein treffliches Mittel zur Lautmalerei besitzt,,das er freilich sparsam verwenden muß, wenn die Dichtung nicht den Charaktereiner spielerisch tändelnden Reimerei erhalten soll.
11. Der Mittelreim.
Bei ihm reimt die Mitte des einen Verses mit der Mitte desfolgenden Verses. Meistenteils besteht neben ihm auch der Endreim.Er wird irrtümlich zuweilen mit dem Binnenreim verwechselt. (Vgl.z. B. Sanders Abriß d. deutsch. Silbenmessung S. 117 § 176 Z. 15und 25.)
Der Mittelreim wird zum Endreim, wenn die Verszeilen gebrochen ge-schrieben werden, was sehr häufig bei den Nibelungenversen geschieht. (Vgl.S. 318 ff. d. B.)
Beispiele des Mittelreims:
a. Herr Ulrich hat's vernommen: er ruft im grimmen Zorn:
In eure Stadt soll kommen kein Huf und auch kein Horn. (Uhland.)b. Der gelbe Wein ist Gold, der rote Wein ist Blut,
Dem Golde bin ich hold, dem Blute bin ich gut. (Rückert.)
o.
Der Bauer hat die Not, der Ochse hat die Plage,
Der Bauer schreit um's Brot, der Ochs hat keine Klage.
(Rückert.)
ä. Aus der staubigen ResidenzIn den laubigen frischen Lenz,
Aus dem tosenden Gassenscbrei
In den kosenden füllen Mei (man beachte diese Riickertsche Schreib-u. s. w. weise, die fa l sch schreibt, um reinzu reimen; freilich ist die fränkischeDialekt-Unsitte mit schuld.)
Ähnlich wie Rückert in <1 reimt Overbeck in seinem Fischerlied:
Wer gleichet uns freudigen Fischern im Kahn?
Wir wissen die schmeidigen Fische zu fahn rc.
e. Es schäumen die Wogen im brausenden Meer,
Dann farbiger Bogen im Äther gar hehr.
Das Wechselnde waltet, die Zukunft uns winkt,
Und was da veraltet, das wanket und sinkt rc.
(Müller von der Werra.)(Man beachte Lautmalerei und Allitteration.)