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wenn er einen Bestandteil der Erzählung bildet, diese ergänzend und weiter-führend ; rein lyrisch, wenn er der Empfindung des Dichters Ausdruck ver-leiht; dramatisch, wenn er die Handlung redend fortleitet; didaktisch,wenn er an den Verstand appellierend eine allgemeine Lehre enthält.
Der Lyrik und Epik (Balladen und Romanzen, die ja lyrisch-episch oderepisch-lyrisch sind) ist der Kehrreim besonders eigen. In architektonischer Hinsichtist er dem Volksliede insofern zu statten gekommen, als er in das lockere Gefügedie festen Säulen stellte, an denen der lose Strophenbau einen Halt gewann.So forderte er den Sinn für Symmetrie und lenkte zu einer harmonischenGruppierung der einzelnen Gedichtsteile. Wie das Versmaß und der Endreim,so dient auch her Kehrreim dem allgemeinen Gesetze des Rhythmus, — derEinheit in der Mannigfaltigkeit. (Vgl. A. W. Grube, Ästh. Vortrüge II. 103 ff.)
a. Einfachste Art des Kehrreims undKehrreim.
Einfachste Kehrreimart.
der unterbrechende
Als Beispiele für die einfachsten Kehrreime erinnere ich an die Jauchzer-laute in Volksweisen (z. B. bei den Frühlingsliedern „heiaho, hollerei"); andie Fidellaute im venetianischen Fischerlied („Fidelin, liu, lin"); an das „Ade"in den drei Reitern; an das „O" im schottischen Volkslied Edward (HerdersStimmen der Völker); an den Tanzlaut traranuretum, traranuriruntundeie beiNithart (vgl. Bartsch, deutsche Liederdichter des 12. bis 14. Jahrh. 1879,S. 103) u. s. w.
Unterbrechende Kehrreime.
Interessant ist der Kehrreim im folgenden italienischen Ständchen, wo erdie dritte Verszeile abbricht, um sie in der folgenden Strophe neu aufzunehmenund zu vollenden:
Du bist das süße Feuer,
Bist meine Seele, du!
In allen meinen Gefühlen —
Schlaf süß, was willst du hinzu?
Zu allen meinen GefühlenHast alle Schlüssel du,
Und hier von diesem Herzen —
Schlaf süß, was willst du hinzu?
Und hier von diesem HerzenHast jedes Teilchen du!
Und wirst mich sterben sehen —
Schlaf süß, was willst du hinzu?
Und wirst mich sterben sehen.
Zu sterben befiehlest du! —
Schlaf sanft, geliebtes Leben,
Schlaf süß, was willst du hinzu?
Ähnlich komponiert ist der musikalisch und malerisch wirkende GoethescheNachtgesang mit seiner lieblichen Nachtmusik im Refrain: