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e. Flüssiger Kehrreim.
Bei den epischen Kehrreimen, welche die Erzählung mit fortführen, kommtder flüssige Kehrreim zu größerer Entfaltung, indem z. B. die Prädikate bleibenund das Subjekt sich ändert oder das Subjekt bleibt und das Prädikat wechselt.Vgl. z. B. Chamissos Gedicht „die Sonne bringt es an den Tag," woder Kehrreim auf siebenfache Weise so umgestaltet wurde:
1. 5. und 9. Strophe: " - > . - " —
An bringst es oocy nicyt an oen Lag.
3. 6. 7. 8. 10. 11.
Die Sonne bringt's nicht an den Tag.
Was bringt die Sonne nicht an den Tag?
4 .
12 .
13.
14.
Sie bringt es doch nicht an den Tag.Nun bringt's die Sonne an den Tag.Die Sonne bracht' es an den Tag.
Welche musikalische Gewalt der Kehrreim im Volksliede hat, zeigen Liederwie dieses:
Es blies ein Jäger wohl in sein Horn,alleweil bei der Nacht.
Und Alles, was er blies, das war verlor'n,
Soll denn mein Blasen verloren sein?alleweil bei der Nacht n. s. w.
Das Volkslied hat sich bei flüssigen Kehrreimen nicht mit einfachenSätzen begnügt, sondern zuweilen ganze Satzverbindungen angewandt, so daßganze Strophen den Kehrreim bilden, indem eine Hälfte feststehend bleibt,während die andere, sich umwandelnde, den flüssigen Kehrreim darstellt.
Wnndergrüne Waldeshut,
Wunderklare Wasserflut!
Schwimmt ein Mädchen über'm Wasser,
Schwimmet nicht, daß es ertränke;
Schwimmet nur, daß es ersähe,
Ob die Mutter sich wohl kränke.
Doch die Mutter geht an's User,
Wirft in's Wasser einen Stein:
„Sink, o Böse, sink hinunter,
Nimmer bist und warst du mein!"
Wundergrüne Waldeshut,
Wunderklare Wasserflut!
Schwimmt ein Mädchen über'm Wasser,
Schwimmet nicht, daß es ertränke;
Schwimmet nur, daß es ersähe,
Ob der Vater sich wohl kränke.
Doch der Vater geht an's Ufer,
Wirft in's Wasser einen Stein:
„Sink, o Böse, sink hinunter,
Nimmer bist und warst du mein!"
Wundergrüne Waldeshut, u. s. w. (die 3 folgenden Zeilen
Schwimmet nur, daß es ersähe,
Ob die Schwester sich wohl kränke.
swie oben)