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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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Hier ist des Stromes Mutterhaus,

Ich trink ihn frisch vom Stein heraus;

Er braust vom Fels in wildem Lauf,

Ich fang ihn mit den Armen auf;

Ich bin der Knab' vom Berge!

Z. Rückertscher Kehrreim.

Mehr als Goethe, Uhland u. A. hat Rückert, der sprachgewandte Meisterder Form, den Kehrreim in den verschiedensten Formen anzuwenden ver-standen, wobei wir freilich an vielen seiner Kehrreime die lyrische Kraft undUnmittelbarkeit des Volksliederrefrains vermissen. In folgendem Liede (Ges.-Ausg. I. 414) macht er den Anfangsvers zum Kehrreim:

Mein Liebster geht, die Welt sich zu beschauen.

Nun zeig' in deinem Glanz dich, schöne Welt!

Im rechten Licht zeig' ihm dich unverstellt,

Daß er zu dir mag fassen ein Vertrauen!

Mein Liebster geht, die Welt sich zu beschauenIm Spiegel, den ihm meine Liebe hält.

Entrollt euch seinen Blicken, Stadt und Feld.

Zeuch ihm vorüber, Land mit deinen Gauen!

Mein Liebster geht, die Welt sich zu beschauen,

Wie sein erobert Land beschaut ein Held;

Und wie es dar sich seinen Augen stellt,

Verfügt er drüber mit dem Wink der Brauen u. s. w.

Im GedichtUm Mitternacht" sind Anfangsvers und Schlußvers alsKehrreim benützt:

Um Mitternacht

Hab' ich gewacht

Und ausgeblickt zum Himmel;

Kein Stern vom SterngewimmelHat mir gelachtUm Mitternacht.

Um Mitternacht

Hab' ich gedacht

Hinaus in dunkle Schranken;

Es hat kein LichtgedankenMir Trost gebrachtUm Mitternacht u. s. w.

Eine ganze Strophe benützt der Dichter als Kehrstrophe im folgendenGedicht des Liebesfrühlings:

Rose, Meer und Sonne

Sind ein Bild der Liebsten mein,

Die mit ihrer WonneFaßt mein ganzes Leben ein.

Aller Glanz, ergossen,

Aller Tau der Frühlingsflur,

Liegt vereint beschlossenIn dem Kelch der Rose nur.