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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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lieb", wo das umklammernde Reimecho nach zu Dach erst > am Ende der6. Verszeile kommt.)

Im Sonett und in der Vierzeile steht der Gleichklang der ersten Zeilemit dem der vierten Zeile in Beziehung. Bei so weit auseinander liegendenReimen muß der Dichter selbstredend besonderes Gewicht auf die eindringende,materielle Bedeutung des Reims legen, auf die Kraft und Klangfarbeder Vokale, auf denWortaccent (Leid und Zeit wirkt z. B. stärkerals Herzeleid und jederzeit; Dach und Krach stärker als Dach und nach u. s. w.).Tann aber ist bei der Deklamation von Gedichten mit weit auseinanderliegenden Reimen auf die Endpause als Versgrenze zu halten, die ja nurrhythmischer Natur zu sein braucht (also nicht zugleich grammatisch-syntaktischePause). Mit anderen ^ Worten: Der Reim ist tonlich und zeitlich aus-zuzeichnen, z. B.

Wenn unter deinen Freunden einer weilt, (Accent u. Fermate!)

Der mit der Güte seines Herzens dir

Jn's Auge leuchtet und mit seinem Geist

Den deinigen befriedigt und ihn heilt: (Desgleichen.)

Wohl dir, o Mensch!

2. Enges Aneinandertreten der Reime und enges Verschlingenderselben ist da geboten, wo ein buntes Mancherlei von Anschauungen undBildern kaleidoskopisch an der Seele vorüber ziehen soll. Wer dieses begreift,wird Gedichte, wieGöttin im Putzzimmer" von Rückert (II, 109):

Welche chaotischeHaushälterei!Welches erotischeTausenderlei!

Alle die Nischchen,Alle die Zellchen,

Alle die Tischchen,

All die Gestellchen!Fächelchen, Schreinchen,Alle voll Quästchen,Pcrlchen und SteinchenAll in den Kästchen!"

oder GoethesAmeisenchor" (Faust II. Werke XII, 126):

Wie ihn die RiesigenEmpor geschoben,

Ihr zappelfüßigen,

Geschwind nach oben re.

nicht wie es geschehen für Spielereien ansehen.

Wie finden übrigens genug Reimspielereien, die durchaus wohlgefälligwirken, und bei denen es der Dichter verstand, der Künstelei fern zu bleiben,was nachfolgende, gewandte Reimerei Rückerts beweisen dürfte:

Ich weiß ein schönes Märchen:

Es war ein schönes Pärchen,

Hieß Hänselchen und Klärchen,

Die pflückten Blmn' und ÄhrchenUnd aßen reife Beerchen.

Das Klärchen hatt' ein Härchen,

Das Hänselchen ein Scherchen;

Das war ein goldnes Härchen,

Und das ein silbern Scherchen.