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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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Das Hänselchen nahm Klärchcn,

Schnitt mit dem SilberscherchenIhr in das gold'ne Härchen;

Da ging das gold'ne Härchen *

Entzwei am Silberscherchen;

Da ging das SilberscherchenEntzwei am gold'nen Härchen,

Da weinte laut das Klärchen u. s. w.

Erst durch das Studium unserer besten Dichter gelangt man zur Über-zeugung, daß Maß und Reim keine zufälligen, willkürlichen Beschränkungen derdeutschen Sprache sind, sondern daß sie unserem Gedankenausdrucke Reiz undWirkung verleihen, ja, daß sie die mannigfachsten Äußerungen unserer Empfin-dungen und Gefühle unterstützen und verschönen.

tz 143. Anforderungen an den Reim.

Die Anforderungen an den Reim umfassen: I. Reinheit, II. Neuheit,III. Wohlklang und IV. Würde desselben.

I. Reinheit des Reims.

Die Reinheit des Reims verlangt:

1. Gleichartigkeit des Klanges der Diphthonge und der Vokale.

2. Gleichartigkeit der Konsonanten.

3. Gleichartigkeit der Silbenquantität.

1. Gleichartigkeit des reimenden Klanges der Diphthonge undder Vokale.

Rein ist der Reim, bei welchem der betonte Diphthong oder Vokal über-einstimmt. Die Reinheit des Reims verlangt also, daß auf den Diphthong imReimecho wieder ein Diphthong (z. B. schauen bauen), auf den einfachenVokal wieder ein einfacher (z. B. Wand Hand), auf den kurzen Vokalwieder ein kurzer (z. B. Damm Stamm), endlich auf den langen wiederein langer folge (z. B. Lohn Sohn).

». Diphthonge. Unrein ist somit der Reim, wenn sich folgen:

ei eu, z. B. leidvoll freudvoll, Wein freun, eitel Beutel,Eiche Seuche, neigen beugen, schmeicheln heucheln.

ai eu, z. B. Mai neu.

ai äu, z. B. Kaiser Häuser.

eu au, z. B. Heut Geläut.

ei - äu, z. B. Weite Geläute. Man vgl. Heines Frühlingslied:

Leise zieht durch mein GemütLiebliches Geläute.

Klinge, kleines Frühlingslied,

Kling hinaus in's Weite!