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Das Hänselchen nahm Klärchcn,
Schnitt mit dem SilberscherchenIhr in das gold'ne Härchen;
Da ging das gold'ne Härchen *
Entzwei am Silberscherchen;
Da ging das SilberscherchenEntzwei am gold'nen Härchen,
Da weinte laut das Klärchen u. s. w.
Erst durch das Studium unserer besten Dichter gelangt man zur Über-zeugung, daß Maß und Reim keine zufälligen, willkürlichen Beschränkungen derdeutschen Sprache sind, sondern daß sie unserem Gedankenausdrucke Reiz undWirkung verleihen, ja, daß sie die mannigfachsten Äußerungen unserer Empfin-dungen und Gefühle unterstützen und verschönen.
tz 143. Anforderungen an den Reim.
Die Anforderungen an den Reim umfassen: I. Reinheit, II. Neuheit,III. Wohlklang und IV. Würde desselben.
I. Reinheit des Reims.
Die Reinheit des Reims verlangt:
1. Gleichartigkeit des Klanges der Diphthonge und der Vokale.
2. Gleichartigkeit der Konsonanten.
3. Gleichartigkeit der Silbenquantität.
1. Gleichartigkeit des reimenden Klanges der Diphthonge undder Vokale.
Rein ist der Reim, bei welchem der betonte Diphthong oder Vokal über-einstimmt. Die Reinheit des Reims verlangt also, daß auf den Diphthong imReimecho wieder ein Diphthong (z. B. schauen — bauen), auf den einfachenVokal wieder ein einfacher (z. B. Wand — Hand), auf den kurzen Vokalwieder ein kurzer (z. B. Damm — Stamm), endlich auf den langen wiederein langer folge (z. B. Lohn — Sohn).
». Diphthonge. Unrein ist somit der Reim, wenn sich folgen:
ei — eu, z. B. leidvoll — freudvoll, Wein — freun, eitel — Beutel,Eiche — Seuche, neigen — beugen, schmeicheln — heucheln.
ai — eu, z. B. Mai — neu.
ai — äu, z. B. Kaiser — Häuser.
eu — au, z. B. Heut — Geläut.
ei -— äu, z. B. Weite — Geläute. Man vgl. Heines Frühlingslied:
Leise zieht durch mein GemütLiebliches Geläute.
Klinge, kleines Frühlingslied,
Kling hinaus in's Weite!