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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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Für diese Art von Dichtungen, die Widersprüche einander gegenüberstellen, paßt der gleichsam in seiner eigenen Parodie erscheinende Reim, derdie poetische Form mit dem prosaischen Stoff verbindet. Selbstverständlich sindin dieser Verbindung Rhythmus und Reim oft gezwungen, willkürlich und spröde,doch würden reine Formen zu dem komischen, losen Inhalte wenig passen.

' Nokapitutation.

Fassen wir Alles zusammen, was für Würdigung des heutigen Reimesim Gegensatz zum Otfriedschen Reim in Betracht kommt, so erhellt, daß der-selbe nach und nach eine hohe Zierde der deutschen Rede ge-worden ist, ebenso daß er durch inhaltliche Verbindung zweierzusammengehöriger Verse nunmehr zur Gliederung und Einprä-gung des Gedichts beiträgt, daß er den ästhetischen Genuß erhöhtund vollen Zauber sprachlicher Schönheit erschließt. (Vgl. S. 389 d. B.)

Rückert sagt über den so zur Schönheit und Vollendung gelangten heutigenReim treffend:

Anmutig werden selbst alltägliche SentenzenIm Silberwasserfall melodischer Kadenzen.

(Weisheit des Brahm. I. 58.)

Und seine Bedeutung illustriert er im nachfolgenden Gedicht:

Was sich läßt in Prosa schreiben,

Sollt ihr nicht zum Verse treiben,

Laßt vergebne Mühe bleiben!

Die historische Romanze,

Einzeln oder gar im Kranze,

Ist nicht meine Liebtingspslanze.

Und wer bannt in Reimes SchrankenPhilosophische Gedanken,

Dem werd ich's noch minder danken.

Doch, ich fürchte, meine Sprüche,

Stammend aus derselben Küche,

Gehn somit auch in die Brüche.

Nein, sie sind zur Form geboren:

Wo sie nicht die Form erkoren,

Wär' ihr Inhalt mit verloren.

Darum muß der Reim sie ketten,

Weil sie sonst kein Wesen hatten,

Würde nicht der Reim es retten.

Manches scheint in Versen eigen,

Was man würd' als Nichts verschweigen,

Sollte man's in Prosa zeigen.

Schopenhauer urteilt von unseren Reimen, daß sie durch ihre unbeschreib-lich emphatische Wirkung die Empfindung erregen, als ob der darin ausgedrückteGedanke schon in der Sprache prädestiniert, ja, präformiert gelegen habe undder Dichter ihn nur herauszufördern gehabt hätte.