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vor Allem Fr. Rückert, dessen ähnlich gemischtem Talente er besonders ent-sprach: — alle modernen Sonettendichter des heutigen Deutsch-lands sind mehr oder weniger bei Rückert in die Schule ge-gangen.
4. Zum Beleg der Bildungsweise englischer Sonette gebe ich eine Übsr-setzungsprobe der Shakespearschen „Southampton-Sonette" des talentvollen Über-setzers Fritz Krauß in Zürich (Leipz., Engelmann, 1872, S. 177):
Was hätt' ich, könnt' den Baldachin ich breitenUnd ehrte äußerlich die Außenwelt,
Und schüfe Großes für die Ewigkeiten,
Das kürzer dauert, als Ruin zerfällt?
Sah ich's doch: Form- und Gunstanbeter büßenDurch zuviel Zins ihr Alles, mehr noch, ein;
Verlieren reine Luft um falsche Süßen —
Glückspilze, stürzend in der Jagd nach Schein!
Nein! laß mich treu in deinem Herzen leben,
Nimm meine Gabe — arm doch frei - die sichNichts Andres beimischt und nichts kennt, als Geben,
Sich gegenseitig geben, mich für dich!
Fort! feiler Kläger! Treue Seelen achtenAm mindsten Dein, wenn sie am tiefsten schmachten.
In der Übersetzung Bodenstedts (Werke VIII. 174) lautet dieses Sonett:
Soll über Dir ein Baldachin sich breiten?
Soll ich mit Prangen äußerlich Dir dienen,
Gebäude gründen wie für Ewigkeiten,
Die doch gar bald zerfallen in Ruinen?
Hab' ich nicht in so prunkender GebahrnngSchönheitverehrer Alles opfern sehn?
Sie tauschten Süßigkeit für schlichte Nahrung,
Und noch im Anschaun war's um sie geschehn!
Nein, Dir im Innern laß mich dienstbar sein!
Laß meine arme, aber freie Gabe
Dir bloß im Austausch unsrer Herzen weihn,
Gieb dich für mich und Alles was ich habe!
Heb' Dich hinweg, Verleumder! wahre Treu'
Trotzt der Verleumdung ohne Furcht und Scheu.
Krauß hielt sich bei seiner Übersetzung streirg an das Original. Erräumt der Shakespeareschen Sonettenfvrm, die mit der romanischen nur die14 Zeilen gemein hat, einen Vorzug ein und meint, daß sie „einfach undanspruchlos" am besten unserer reim- und klangarmen (?) Sprache entspreche.„Im Englischen — so schreibt er uns — sind die Reime wie die Mehrzahlder Worte kurz; weibliche bilden die Ausnahme. Demgemäß hat der Über-setzer die Freiheit, die meist einsilbigen englischen Reime männlich oder weiblichzu übersetzen, und diese Freiheit haben sich alle Übersetzer der Shakespeare-Sonette zu Nutzen gemacht. Bei Bodenstedt z. B. finden sich ganz männlicheund ganz weibliche, auch zur Hälfte oder um ein Viertel männlich gereimteSonette u. s. w. Ich wählte nur Eine Form, weil ich dachte, die Sonettewürden sich so leichter lesen, nachdem der Rhythmus schnell ins Gefühl über-