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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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Als, wie du mir selbst gedroht,

Dir als Anwalt dar sich botGute Jach' und mir die schlechte;

Daß mir bangt, wie ich verfechteFalschheit gegen Treu' im Tod.

Dennoch sprech' ich excipierend:

Wenn ein edles Herz es giebt,

Das uneigennützig liebt,

Im Geliebten sich verlierend;

Dieses, sich mit Demut zierend,

Trägt Entsagung ohne Fluch,

Wenn die Braut statt LeichentuchFremder Hochzeitschleier schmücket,

Und es fühlt sich selbst beglücket,

Wenn sie's ist durch Treuebruch.

Ferner: Wenn's ein Herz kann geben,

Von so sanfter Blumnatur,

Das aus liebem Antlitz nurWie aus Sonnen saugt sein Leben;

Wenn die Sonnen ihm entschwebenIn die lange Nacht, den Tod,

Leuchtet ihm kein Morgenrot;

Doch so lang die Augen funkeln,

Mag auch Untreu sie verdunkeln,

Leben kann es doch zur Not.

Endlich, wer mit solchen FlammenLiebt, wie ich zwar selber nicht,

Daß er denkt, was heut zerbricht,

Wächst auf morgen neu zusammen;

Der verschmerzt des Treubruchs SchrammenLeicht, aus Hoffnung zum Versuch,

Ob sich heilen läßt der Bruch;

Aber mit gebrochnem Herzen

Läßt sich ganz und gar nicht scherzen;

Drum: Eh'r falsch als tot! mein Spruch.

tz 176. Äanrion.

Die zwei oder drei Strophen dieser aus Spanien stammendenlyrischen Form haben zusammengenommen 12 bis 24 (oder auch zuweilenmehr) trochäische Verszeilen, von welchen die 4 ersten mit den 4 letzten geringe Abweichungen abgerechnet meist übereinstimmen.

Die erste Strophe, welche das 3- bis 5 zeitige Thema oder den Haupt-gedanken enthält, ist in der Regel die kleinere; die folgenden Strophen, welchemit den Reimwörtern dieser erste,: Strophe endigen, sind bedeutend länger.Die einfache Vergleichung schon läßt das Kancion als eine vereinfachte Glosseerscheinen.