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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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Wie es geschrieben steht, so ist dein Wiehern: Ha!

Ausschlagend, das Gebiß verachtend, stehst du da;

Mit deinem losen Stirnhaar buhlet

Der Wind; dein Auge blitzt, und deine Flanke schäumt:

Das ist der Renner nicht, den Boiloau gezäumt,

Und mit Franzosenwitz geschickt!

Der trabt bedächtig durch die Bähn am Leitzaum nur;

Ein Heerstraßgraben ist die leidige CäsurFür diesen feinen saubern Alten.

Er weiß, daß eitler Mut ihm weder ziemt noch frommt:

So schnäufelt er, und hebt die Hiislein, springt, und kommtAn'» andre Ufer wohlbehalten.

Doch dir, mein flammend Tier, ist sie ein FclsenrißDes Sinai; zerbrecht, Springriemen und Gebiß!

Du jagst hinan, da klafft die Ritze!

Ein Wiehern und ein Sprung! dein Hufhaar blutet, duSchwebst ob der Kluft; dem Fels entlockt dein EisenschuhDes Echos Donner und des Kiesels Blitze!

Und wieder nun hinab, wühl' auf den heißen Sand!

Vorwärts! laß tummeln dich von meiner sichern Hand,

Ich bringe wieder dich zu Ehren.

Nicht achte du den Schweiß! sieh, wenn es dämmert, lenk'

Ich langsam seitwärts dich, und streichle dich und tränk'

Dich lässig in den großen Meeren.

(FrciligrathsAlexandriner".)

b. Freiligraths zweite Alexandrinerstrophe.

Tragt mich vor's Zelt hinaus samt meiner Ottomane!

Ich will ihn selber sehn! Heut kam die KarawaneAus Afrika, sagt ihr, und mit ihr das Gerücht?

Tragt mich vor's Zelt hinaus! wie an den WasserbüchcnSich die Gazelle letzt, will ich an seinem SprechenMich letzen, wenn er Wahrheit spricht."

(Freiligrath, Scheik am Sinai.)

L. Orientalische Formen.

K 183. Hier fische Vierteile (Undch, Rubujat).

Während das Reimschema der gewöhnlichen Vierzeile a b d aoder g, b n d oder n a b 1> ist, so ist es bei der persischen Vierzeilestets a s, b g.. Diese unterscheidet sich somit von unserer Vierzeiledadurch, daß immer die erste, zweite und vierte Zeile den gleichen Reimhaben, während die dritte reimlos ist. Der Anfang eines jeden Ghasels(vgl. Z 184) (also das Ghasel in seinen 4 ersten Zeilen) ent-spricht einer persischen Vierzeile. Diese liebt wie das Ghaselden reichen Reim.