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2. Die Kunstpoesie dagegen entreift dem individuellen Arbeitendes Einzelnen und der Einzelnen. Sie reflektiert das wirkliche Lebenin der idealisierenden Phantasie und Empfindung des gebildeten Kunst-dichters.
t. Die ursprüngliche Volkspoesie (Naturpoesie) war meist objektive Poesie,Hervorbrechen der Empfindung mit dazwischen liegender, unmittelbarer Dar-stellung der Wirklichkeit oder des nach dem Typus derselben Erdichteten. Siewar wesentlich beschreibend, auch wo es sich um Darlegung des subjektivenGefühls handelte: sie bedurfte daher weniger der schönen äußern Form, alseiner Alle gleichmäßig ergreifenden poetisch-naiven Sprache voll Wohllauts.Ein Beispiel der Volkspoesie möge dies illustrieren:
Es wollt' ein Mägdlein tanzen gehn,
Sucht Rosen auf der Heide,
Was fand sie da am Wege stehn?
Eine Hasel, die war grüne.
„Run grüß' dich Gott, Frau Haselin!
Bon was bist du so grüne?"
„Nun grüß' dich Gott, seins Mägdelein!
Von was bist du so schöne?"
„Bon was daß ich so schöne bin,
Das kann ich dir wohl sagen:
Ich eß' weiß Brod, trink kühlen Wein,
Davon bin ich so schöne."
„Ißt du weiß Brod, trinkst kühlen WeinUnd bist davon so schöne,
Auf mich so fällt der kühle Tau,
Davon bin ich so grüne."
„Hüt' dich, hüt' dich, lieb Haselin,
Und thu' dich wohl umschauen;
Ich hab' daheim zween Brüder stolz,
Die wollen dich abhauen."
„Und hau'n sie mich im Winter ab,
Im Sommer grün' ich wieder;
Verliert ein Mägdlein ihren Kranz,
Den find't sie nimmer wieder."
(Aus Uhlands Volkslieder Bd. 1. S. 66.)
2. Die Kunstpoesie unterscheidet sich von der Naturpoesie dadurch,daß sie durch geeignete Gestaltung des Stoffes, den sie mit der Naturpoesiegemeinschaftlich haben kann, irgend eine bestimmte, beabsichtigte Idee zuTage fördert. Die nachfolgenden drei Bearbeitungen des gleichen Stoffesmögen dies beweisen.
a. Die Verlassene von Geibel.
O singt nur ihr Schwestern mit fröhlichem Mund,
Und führet den Reigen im LindengrundMit den Burschen bei Zithern und Geigen! —
Mich aber laßt gehn und schweigen.