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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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Plötzlich, da kommt es mir,

Treuloser Knabe,

Daß ich die Nacht von dirGeträumet habe.

Thräne auf Thräne dannStürzet hernieder;

So kommt der Tag heran

O ging' er wieder!

Diese drei ungemein anschaulichen Bearbeitungen könnten die ÜberschriftGebrochene Treue" tragen. Bei allen ist ein verlassenes Mädchen der Gegen-stand der Scene und die Trägerin der Idee.

Während sich bei Geibels Dichtung der Dichter vordrängt, (sofern näm-lich der für ein Bauernmädchen zu ideale, metaphorische Ausdruck in derdritten Strophe und ihre rhetorische Pathetik in der vierten zu Erwägungenüber den Dichter herausfordern), bringen die beiden letzten Arbeiten die Em-pfindung in so natürlicher, einfach schlichter, ja naiv wahrer Weise zum Aus-druck, daß kein Mensch an den Dichter als solchen erinnert wird.

Und dennoch sind diese Dichtungen subjektiv. Sie zeichnen sich gewisser-maßen durch ihren symbolischen Charakter aus, da der Stoff nur das Äußereder abstrakten Idee und der tiefen Empfindung ist.

So trägt denn die Kunstpoesie ebenso dem objektiven Charakter Rechnung,wie sie als unmittelbarer Erguß des subjektiven Empfindens des Dichters dieIdee mit der Empfindung vereint. Dies ist besonders ein Erkennungsmerkmalder Kunstpoesie Goethes, wie das nachfolgende Beispiel zeigen möge:

Blumengruß.

Der Strauß, den ich gepflücket,

Grüße dich viel tausendmal!

Ich habe mich oft gebücketAch, wohl ein tausendmal,

Und ihn an's Herz gedrückt

Wie hunderttausendmal! (Goethe.)

Als ein Beispiel vollendeter Kunstpoesie kann auch das so bekannte Ge-dicht Die sterbende Blume von Rückert gelten, wo die Idee der Vergäng-lichkeit mit ergreifender Wahrheit zum Ausdruck gebracht ist, dabei aber überalldas subjektive Fühlen des deutschen, tiefinnigen Dichtergemütes das Poemüberstrahlt.

Derjenige Kunstdichter, welcher die Natur in ihrer Einfachheit, in ihrernaiven Schönheit aufzufassen und wiederzugeben versteht, so daß seine Kunst-dichtung gleichsam den Eindruck der Naturdichtung macht, ist der echte Kunst-dichter. Er ist dem Genius Shakespeares verwandt, der den Beifall ablehnendauf die Natur (besonders in folgender Stelle seines Wintermärchens IV. 3)hinweist:

Perdita: Ich hörte,

Daß, nächst der großen schaffenden Natur,

Auch Kunst es ist, die diese bunt färbt.