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2. Dem wahren Lyriker öffnet irgend ein Stoff den strömenden Dichter-quell, der unechte wirft sich auf einen bestimmten Stoff und müht sich, ausdem Stosse herauszupressen, was ihm selber fehlt. Der wahre Lyriker haschtdaher nicht nach Stoffen wie der Nachahmer; er vermählt den beliebigen, ihnanregenden Gegenstand sofort mit seiner subjektiven Seelenstimmung. DieAuen, die Blumen, die Wälder, die Tiere, alles fühlt mit ihm, alles istEcho seiner Gefühle, die bei größeren Reihen von Gedichten sich als Elementeseiner Lyrik herausschälen lassen. Je nach der eigenartigen Bildung waltenals solche Elemente vor z. B. das Vaterlandsgesühl, oder das Heimatsgefühl,oder das Gefühl für das Idyllische, oder das Gefühl für die Natur, oderdas religiöse Gefühl, oder das Gefühl für die Liebe.
3. Die Eigenart des Dichters zeigt sich in der besonderen, dichterischenBehandlung seines Stoffes, was Geibel, zwar etwas nachlässig in Form undSprache, doch erschöpfend und wahr so ausdrückt:
„Das ist des Lyrikers Kunst, aussprechen was allen gemein ist,
Wie er's im tiefsten Gemüt neu und besonders erschuf;
Oder dem Eigensten auch solch allverständlich GeprägeLeih'n, daß jeglicher drin staunend sich selber erkennt."
(Geibel, Distichen XVI.)
tz 9. Anforderungen an den Lyriker.
1. Vvm Lyriker verlangen wir Wahrheit der Empfindung, Em-pfänglichkeit für alles Schöne, Zartheit des Gemüts, welches leicht inSchwingungen versetzt wird und das Ideale rein darzustellen vermag,Harmonie des Seelenlebens.
2. Der Dichter muß erhöht empfinden.
3. Er muß der Gegenstand feiner Lyrik sein.
1. „Ein volles, ganz von einer Empfindung volles Herz ist es, was denLyriker macht", sagt Goethe. Wir sehen dem Lyriker nichts nach, weil seineGefühle auch die unsrigen sind. Wir dichten mit ihm und hassen jede Auf-dringlichkeit von Gefühlen, weil wir alle Mittelempsindungen genau kennen,oder sogar mitempfinden. Wir sind erzürnt über Anmaßung, wie über allzunaive Kindlichkeit und rügen es, wenn der Lyriker aus seiner eigenen Gefühls-sphäre heraustritt. Der Lyriker soll sich selbst seine ganze Welt sein, ohnedarnach zu fingen, wer ihn höre.
„Wenn Ihr fragt, wer hier nun spricht,
Ich, der Dichter, oder sie?
Sag' ich Euch: ich weiß es nicht,
Sondert Jhr's, ich sondr' es nie." (Rückert.)
Das ist der wahre Lyriker, der, unbekümmert um die Außenwelt, seinenGefühlen Ausdruck verleiht, der nicht auf das Gefühl der Anwesenden spekuliert,der nicht aus seinen Empfindungen Kapital schlagen will, der singet „wie derVogel singt". (Vgl. H 1. 2 d. Bds.)