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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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Die Einsame.

Vor meinem Kämmerlein fließetMn Wasser bei Tag und Nacht;

Ich seh' ihm zu vorn Fenster,

Wenn einsam mein Leid erwacht.

Mir wird so traurig zu MuteBei seinem eiligen Lauf;

Die Wellen ziehen hinunterUnd kommen nimmer heraus."

3. Dadurch unterscheidet sich der echte Lyriker vorn Nachahmer, daß ihnallenthalben die Stoffe poetisch ansehen, daß sich ihm alles in Liederstoff ver-wandelt.

4.Wie Thränen, die uns plötzlich kommen, so kommen plötzlich unsreLieder" sagt Heine und bestätigt dadurch, daß die unter der Anschauung derDinge entstandenen lyrischen Gedichte Gelegenheitsgedichte sind.

Diese Ansicht sprach vor allen Goethe in den Gesprächen mit EckermannI. S. 54, aus, indem er sagte:Die Welt ist so groß und das Reich desLebens so mannigfaltig, daß es an Anläufen zu Gedichten nie fehlen wird.Aber es müssen alles Gelegenheitsgedichte sein, d. h. die Wirklichkeit mußdie Veranlassung und den Stoff dazu hergeben. Allgemein und poetisch wirdein specieller Fall eben dadurch, daß ihn der Dichter behandelt. Alle meineGedichte sind Gelegenheitsgedichte; sie sind durch die Wirklichkeit ange-regt und haben darin Grund und Boden."

Hier ist Rhodus! Tanze du Wicht,

Und der Gelegenheit schaff' ein Gedicht!" (Goethe.)

tz 8. Eigenart des Lyrikers.

1. Jeder echte Dichter hat seine besondere Geisteswelt, seine eigen-artige Natur- und Weltanschauung, seine eigenartige Behandlungsweise.

2. Die Ursprünglichkeit des dichterischen Ingeniums verwechseltder Nachahmer meist mit einersurrogativen, objektiven Originalität",mit der Originalität der Stoffe, die doch wie im vorigen Para-graphen erwähnt in der Lyrik ewig die gleichen sind.

3. Lediglich die Eigenart des Lyrikers in der Behandlung undseine subjektive Auffassung, nicht aber der objektive Stoff, der immer-hin die Anregung und die Veranlassung zum Gedicht werden kann,sind in der Lyrik das Wesentliche.

1. Die Art und Weise, wie die Empfindung des Dichters künstlerischeGestalt annimmt, zeigt die Eigenart des Dichters, der seinen Stoff je nachseiner Bedeutung verständnisvoll abklären und dichterisch idealisieren wird.Gleiche äußere Anlässe bei verschiedenen Lyrikern erzeugen doch nicht gleicheLyrik (siehe Z 2). Dem wahren Dichter und seiner Assimilationskraft tritt zwarder äußere Stoff als Liederstoff entgegen, aber als ein durch eigenartigeBehandlungsweise individuell und subjektiv werdender.