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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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Nacht, mein Liebster! Geh nun schlafen und heile deine Hand, und geh nichtmit mir, denn ich fürchte mich nicht, vor keinem als nur vor dir.

Damit huschte sie durch die Thür und verschwand in den Schatten derMauer. Er aber sah noch lange durchs Fenster, aufs Meer hinaus, über demalle Sterne zu schwanken schienen.

Als der kleine Padre Curato das nächste Mal aus dem Beichtstuhl kam, >

in dem Laurella lange gekniet hatte, lächelte er still in sich hinein. Werhätte gedacht, sagte er bei sich selbst, daß Gott sich so schnell dieses wunder-lichen Herzens erbarmen würde? Und ich machte mir noch Vorwürfe, daß ichden Dämon Eigensinn nicht härter bedräut hatte. Aber unsere Augen sindkurzsichtig für die Wege des Himmels. Nun so segne sie der Herr und lassemich's erleben, daß mich Laurellas ältester Bube einmal an seines Vaters Stattübers Meer fährt! Ei ei ei! L'Arrabbiata!" (Schluß der Novelle.)

.3. Aus Durch Leid zu Freud von L. A. Weinzierl. (Frauennovelle.)

Ortmann, welcher fortan an jedem Abend einige Viertelstunden mitHildegarde zu verplaudern pflegte, brachte auch die Bücher, welche ihr vor-gelesen wurden.

Ich müßte mich arg irren," sagte er, als er drei Bände von ver-schiedener Größe, doch alle von mäßiger Dicke nur, aus den Taschen seinesRockes zum Vorschein brachte,wenn Sie mir nicht warmen Dank zollenwürden für diese Bücher. Dies kleine Büchlein hier schließt eine Fülle köst-lichen Humors in sich! unter seinem Einfluß wird man geneigt, Welt und *

Leben als lustige Komödie wohlgemerkt nicht als Farce! anzusehen. Esist Scheffels Liederbuch Oauäsamns. In dem zweiten Bande, in HebbelsNibelungen-Trilogie, finden Sie als Gegensatz markerschütternde Tragik."

Ich kenne das Werk," sagte Hildegarde,und ich teile Ihre Bewunde-rung dafür, ja, vielleicht werden Sie finden, daß ich zu weit darin gehe. Oftschon bin ich meines ketzerischen Geschmacks wegen gescholten worden, aberdoch muß ich bekennen, daß mir die Nibelungen erst in dem Hebbelschen Aus-schnitt Genuß bereiten ..."

Nun, wenn auch nicht reumütig, sehen Sie bei diesem Geständnis dochgehörig zerknirscht aus. Das ist immer etwas! Übrigens finde ich diese IhreAnsicht nicht unbegreiflich."

Etwas vor allem macht mir die Hebbelsche Tragödie wie soll ichnur sagen?angenehm" ist da kein richtiges Wort, und doch muß ich esgebrauchen, daß der Dichter trotz des grausen Schlusses uns versöhnt ent-läßt, denn wir empfangen den Eindruck der Notwendigkeit eines solchen: diealte Zeit, das alte Geschlecht, welches nicht zu verzeihen vermochte, mußte ^untergehen, damit das neue, dessen Hauptgesetz nicht mehr die Rache war, sichgeltend machen konnte. In den Schlußworten Dietrichs von Bern:Im NamenDessen, der am Kreuz erblich!" mit denen er die zu schwer gewordene Kronevon König Etzels Haupte nimmt- bringt der Dichter zum Ausdruck, daßdie Liebe fortan und nicht mehr der Haß herrschen sollte."

Herrscht sie etwa jetzt, im neunzehnten Jahrhundert?"