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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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In jedem edeln und guten Herzen!"

Da herrschte sie auch vorher, oder meinen Sie, daß das, was manchristliche Tugend nennt, nicht auch früher gekannt und geübt worden wäre?"

Gott bewahre mich vor dieser Anficht! Eine Hölle war die Welt, denkeich, zu keiner Zeit, aber:Verzeihe denen, die dich beleidigen,"Thue,wie du willst, daß man dir thue,"Vergiß deiner selbst, um deinesNächsten willen" und daß dieser Nächste nicht nur Weib und Kind, Familie,Freunde, Vaterlandsangehörige, und im ausgedehntesten Falle ein Fremder, derdurch seine Individualität imponierte, sei, sondern alle Menschen, die ärmstenund elendesten inbegrifsen, hat doch nur wohl mit Christi Lehre Eingang gefunden.Was früher nur Neigung, war dann Pflicht."

Man wird es Ihnen auch bestreiten, nicht ich, denn auch ich glaubean die civilisatorische Macht, die das Christentum hatte."

Nicht mehr hat?" fragte Hildegarde sanft,ist die Verheißung zu Ende?"

Ortmann sah vor sich hin.Nein," sagte er nach einer Pause in herz-lichem Tone,fern sei es von mir, Ihnen gegenüber dies andeuten zu wollen.Wo noch Glaube ist, ist auch die Kraft."

Einmal brachte Ortmann einen Strauß dunkelroter Nelken mit. Hilde-gards empfing ihn voll Freude.Eben diese Gattung Nelken" sagte sie,den Dust einziehendist die verbreiterte in Venedig; wie viele derselbensteckten mir die Blumenmädchen auf dem Marcusplatze zu!"

Blumenmädchen! wie schön das dem Fremden klang und ward mandieser Trüben ansichtig ..."

Urahne, Großmutter, Mutter und Kind," recitierte Hildegarde.

Nun," sagte Ortmann lachend,Kind war keine mehr, es waren sehr reifeSchönheiten. Ich muß gestehen, daß, als ich später hörte, eine der erstenMaßregeln der neuen Regierung in Venedig sei gewesen, die Blumenmädchenzu pensionieren und durch frischen Nachwuchs zu ersetzen, ich meinen Beifallnicht versagte. Sie kennen also Venedig, Fräulein Müller?"

Es war die glücklichste Zeit meines Lebens, die ich dort verlebte! Ichfühlte mich anfänglich wie geblendet, und dann stieg mir, glaube ich, all dieSchönheit zu Kopfe. Ich war nie so ausgelassen heiter, weder vorher, nochspäter, als in jenen Tagen."

Und doch nennen viele Venedig düster und traurig."

Ich weiß nicht, inwiefern ich geneigt wäre, während der Regen- undSturmzeit in dieses Urteil einzustimmen. Im Frühling fühlte ich mich entzücktvon allem, was mich umgab: blauer Äther, goldene Sonne, Meeresspiegel. . .doch ich will Sie mit meiner Rhapsodie verschonen, genug, daß ich in Venedigzum erstenmale zu der Überzeugung gelangte, das Leben sei doch sehr schön!"

Ich denke, wir wechseln den Gesprächsgegenstanhs Fräulein Müller, Siewerden mir zu aufgeregt! Der Schönheitsrausch ich bitte um Verzeihung, aberSie selbst brauchten den Vergleich scheint noch nicht ganz verflogen zu sein."

Ach, und wie lange mußte ich von diesen Erinnerungen zehren! Duft-und farblos wurden sie aber trotzdem nicht."