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Dabei sind aber doch große Verschiedenheiten zu bemerken. Während dieTragödie (wie auch der Roman) den Eingriff einer höheren Macht in dasmenschliche Dasein — jedoch eines Einzelnen — darstellt, zeigt dies dasVolks-Epos im großen Leben ganzer Völkerfamilien. Während der Held inder Tragödie gegen eine unsichtbare Macht ankämpfen muß, der er nicht gewachsenist, läßt er sich im Roman vom Schicksal und oft durch Zufälligkeiten undandere Personen bestimmen, im Epos dagegen kämpft er nur gegen äußereFeinde und geht im Verein mit helfenden Freunden in der Regel siegreich ausdem Kampfe hervor. Wenn in der Tragödie die Nebenpersonen gerne alsRepräsentanten einer ganzen Klasse von Menschen, als eine verkörperte Gattungvon Charakteren, als Träger gewisser Ideen angesehen werden wollen, gehörendieselben im Roman nur einer gewissen Zeit und ihrer Bildung an. ImEpos sind die Personen natürliche Menschen mit ihren verschiedenen Eigen-schaften, guten oder bösen, keine Symbole wie in der Tragödie. Franz Keim,der so rasch bekannt gewordene Dichter der Tragödie Sulamith, sagt scharf-sinnig: Im Epos herrscht die Begebenheit, in der Tragödie die Person; imEpos fragt man: WaS wird dem Helden begegnen, in der Tragödie: Waswird er thun? u. s. w.
tz 156. Der Held der Tragödie und die poetische Gerechtigkeit.
1. Der Held der Tragödie muß sich durch Bedeute ndheit(Bedeutsamkeit, Gewichtigkeit, Nimbus) und Mut auszeichnen, umden entgegen tretenden Schwierigkeiten (d. i. dem tragischen Konflikt)gewachsen zu erscheinen.
2. Dabei braucht er in sittlicher Beziehung nicht vollkommen zu sein.
3. Das Geschick des Helden bedingt den einfachen tragischen Kon-flikt oder eine sittliche Kollision.
4. Er erstrebt meist das Rechte und bewirkt das Gegenteil. Diesist die sogenannte tragische Ironie.
5. Der Held geht weiter, als es nach menschlicher Berechnungklug ist. Dies führt seinen Untergang herbei und macht das Endetragisch.
I. Der tragische Held nimmt den Kampf mit den widrigen Verhältnissen(L. i. dem tragischen Konflikte) auf. AuS diesem Konflikt erwachsen Leiden: ver-schuldete (z. B. wenn Don Cäsar in der Braut von Messina sich tötet);unverschuldete (z. B. wenn Jphigenia das Opfer des Gelöbnisses ihresVaters Agamemnon wird); physische (z. B. Maria Stuarts Gefangenschaft);psychische (z. B. Ferdinand und Luise in Schillers Kabale und Liebe) u. s. w.
Soll uns der tragische Held nicht erbärmlich oder jämmerlich erscheinen,so muß er sich durch Größe und Hoheit des Charakters, sowie durch Energie,Kraft, Konsequenz, Unbeugsamkeit und Begeisterung auszeichnen, besonders wenner ein Repräsentant der Bildung, Sitte und Geistesthätigkeit seines Volkes sein