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soll. Wo seine innere Freiheit in Kampf mit der äußern Notwendigkeit tritt,darf er keine Gefahr achten, er muß das Unerreichbare erstreben, und nichtzurückschrecken, wenn ihm auch noch so viele Schwierigkeiten (tragische Konflikte)in den Weg treten.
Der Prinz von Homburg von Kleist verliert zwar den Mut. Aber baldgewinnt er den Sieg über Feigheit und über menschliche Liebe zum Leben;er verachtet sich und erhebt sich zu einer des Helden würdigen Idealität. Auchbei König Lear überragt der hohe ideale Sinn die menschlichen Schwächen. —Uriel Akosta von Gutzkow, welcher nicht einmal aus innerer Nötigung sich untrenwird, ist kein gelungener tragischer Held.
2. Der Held braucht nach rein moralischem Begriffe in der Tragödiegerade nicht immer ein sittlich hoher Charakter zu sein, ebensowenig wie imEpos. Ja, er kann sogar ein Verbrecher sein (z. B. Karl Moor, Richard III.),sofern sein Verbrechen eine Verirrung ist. Der Charakter darf
weder zu schuldlos sein, um die Wehmut zu verdienen, noch zu schuldvoll fürdiese. Die Tragödie will sittliche Unvollkommenheit der Charaktere; denn siewürde der Geschichte widersprechen, wollte sie Strafe vorführen ohne Schulddes Helden. (Calderons Standhafter Prinz ist ausnahmsweise ein Held,welcher schuldlos leidet.) Aristoteles sagt (Poet. 13): „Zuerst ist es klar, daßweder tugendhafte Männer aus Glück in Unglück übergehend erscheinen dürfen(denn das erweckt weder Furcht noch Mitleiden, sondern vielmehr Unbehagen), nock>böse (schlechte) Menschen aus Unglück in Glück, (denn das wäre am wenigstentragisch, insofern es gar keine unserer Anforderungen an eine Tragödie erfüllt,da es weder unser Gerechtigkeitsgesühl befriedigt, noch auch Mitleid oder Furchterweckt), noch endlich einen vollendeten Bösewicht, der aus Glück ins Unglückstürzt: denn eine solche Darstellung möchte wohl unserem MenschlichkeitsgefühleGenüge thun, aber uns weder Mitleiden noch Furcht einflößen; denn das Mit-leid richtet sich auf den, der unverdient leidet; die Furcht auf einen unseres-glcichen. Daher wird, was solchen geschieht, weder Mitleid erwecken noch Furcht.So bleibt nur, der zwischen den bezeichneten in der Mitte ist. Das ist aberein solcher, der weder durch Tugend und Gerechtigkeit sich erhebt, noch durchLaster und Verderbtheit ins Unglück kommt, sondern durch irgendwelche Ver-irrung (durch einen bestimmten Fehltritt). Und zwar muß es ein Hochange-sehener und Beglückter sein, wie z. B. Ödipus, Thyestes, und sonst aus der-gleichen erlauchten Geschlechtern die hervorstechenden Männer." Ein tadelloserTugendheld oder ein vollkommener Weiser wird nicht durch seine Schuld unter-gehen, da er zur rechten Zeit den Zwiespalt mit einer andern Macht durchEntsagung seines eigenen Willens aufheben wird.
Wenn den Helden der Widerspruch zwischen Gesinnung und Verhältnissenin seinem Streben mir nicht wankend macht, wenn er im Konflikt mit denVerhältnissen und beim Eingreifen des Schicksals nur nicht von seinem Willenabläßt, wenn er im Unglück, in seinen der Schuld entwachsenen Leiden nurnicht kleinmütig sich zeigt, wenn er seine Freudigkeit nur nicht verliert, so sindwir für ihn gewonnen und interessieren uns für ihn. Wenn wir auch schließ-