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Es ist die echteste Tragik, wo selbst Sühne ohne neue Pflichtverletzungnicht mehr möglich ist. (Vgl. Pesstmistenbrevier S. 299.)
5. Beim Tragischen des einfachen Konflikts geht der Charakterdurch seine Schuld unter, die tragisch und ethisch sein kann. (BeispielI 102.) Es beruhigt und versöhnt hierbei die Wahrnehmung einer sitt-lichen Weltordnung neben der Mangelhaftigkeit menschlichen Daseins. Beim ,
Tragischen der sittlichen Kollision sieht man durch den Untergang des Heldendie unerbittlichen Pflichten und Forderungen einer moralischen Weltordnungerfüllt, ersteht man die Wahrheit des Schillerschen Anssprnchs:
„Es giebt keinen ZufallUnd was euch blindes Ohngesahr erscheint,
Gerade das steigt aus den tiefsten Quellen."
Eine gewisse Genugthuung (tragische Gerechtigkeit I. 101. 3; vgl. auchden folgenden Paragraphen 157) gewahrt der Hinblick aus
„Das große gigantische Schicksal,
Welches den Menschen erhebt, wenn es den Menschen zermalmt."
(Schiller.)
Es wird die Entladung von den trüben und beengenden Stimmungendes Tages herbeigeführt, welche nur durch den Jammer und das Fürchterlichein die Welt kommen. (Freytag, Technik des Drama, sowie Masings, die tragischeSchuld.) Wenn der Held die ihm von der Vorsehung gesetzten Schranken »
überspringt, wenn er weiter geht, als es nach menschlicher Berechnung klugoder naturgemäß erscheinen mag, so wachsen ihm die Folgen seiner That (Schuld)über den Kops und er wird durch innere Notwendigkeit zu einem Ausgangfortgerissen, den er nicht ahnte: er geht unter. Daher ist das Grundgefühldes Tragischen die Wehmut. Da die Geschichte reich an solchen Beispielen ist,so giebt es viele historische Tragödien.
5. Wallenstein geht unter durch unbegrenzte Herrschsucht, die allerdingsin seinem Herrscherberuf Entschuldigung findet; Maria Stuart durch Unbeug-samkeit des königlichen Sinnes, der sich nicht durch unwürdige Behandlungerniedrigen läßt.
tz 157. Die poetische Gerechtigkeit.
Der Untergang des Helden nmß der Beweis einer Gerechtigkeitsein, welche die Schuld sühnt. Dem Fehltritte des Helden muß die »Nemesis, das Eingreifen des Schicksals, auf dem Fuß folgen.
In der Antigone nötigt z. B. die List der mit Strafe bedrohten Wächterdie Antigone zur wiederholten Übertretung der Staatsgesetze, wodurch ihreEntdeckung erfolgt. In Maria Stuart spricht der unzeitige, für die Heldinbegangene Mordversuch gegen sie u. s. w. Die in der Tragödie eintretendeSühne heißt poetische Gerechtigkeit. Jene Sühne des frommen Glaubens, die