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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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kunstvoll verwebte und ineinander gefügte Thatsachen zu wirken und zu ent-scheiden (eine der deutschen Litteratur durchaus fern liegende Fertigkeit, weil derDeutsche, der aus seiner tieferen Anlage nicht diesen Reichtum an Handlung zuschaffen weiß, wesentlich innere Motive, psychologische Wandlungen und damiteine wahrhaft dramatische Vorbereitung der Handlung in ihrem Beginn, in ihremFortgang und in ihren Verwicklungen fordert), entsprießt das Stück demDiplomatensalon zweiten oder dritten Ranges (d. h. dem anrüchigen Salonder diplomatischen Agenten, Nachrichtenvermittler, Spione, Abenteurer und Jn-triguanten, der nie verheiratet gewesenen Witwen, der Fürstinnen und Gräfinnenohne Adelsbrief aus aller Herren Ländern). Ein Hauptgeheimnis der Wirkungist, daß der Dichter alle genrebildlichen, episodisch aneinander klebenden Momenteder ersten Akte seiner Gewohnheit gemäß in zwei großen Scenen(der Peripetie des vierten Aktes und der Katastrophe des fünften) vereint. Indiesen beiden Scenen entfaltet er seine ganze Wirkung und sein gewaltigesdramatisches Talent, so daß die aneinander gefügten Momente der drei erstenAkte wie eine langgezogene Exposition sich ausnehmen. Die nach deutschenBegriffen wunderliche, abenteuernde Gesellschaft, welche der Dichter zur Unter-lage für sein Kunstwerk wählt, kennt die landläufige, bürgerliche Moral nicht;sie ist bezahlt und schreckt vor keinem Abenteuer, vor keinem Mittel, selbst nichtvor offenem Dokumentendiebstahl zurück. Natürlich brütet in den Salons dieserGesellschaft eine schwüle, beängstigende Luft, und es ist psychologisch motiviert,daß dem in diese Kreise Hineingezogenen, aber innerlich ihnen Fernstehenden,selbst die reineren Elemente, die doch in jener Atmosphäre leben, von ihr infizierterscheinen. Diesem Motiv entlehnt das Bild seine mannigfaltig wechselnden Farben.

In Heller Glorie der Unschuld, naiver Reinheit der Gesinnung und destief-innerlichen Frauengesühls hebt sich von dieser korrumpierten Gesellschaft dieideale Hauptfigur des Stückes (Dora) ab.

Sie hat keine Ahnung von den Machinationen, Intriguen und Zweckenihrer Umgebung; sie schließt ein ideales Liebesverhältnis und gerät schon amHochzeitstage bei ihrem Gatten selbst in den durch gravierende Indizien be-stärkten Verdacht der diplomatischen Korrespondenz und des Diebstahls wichtigerDokumente. Hat sich aber schon in der Exposition ihr geistiger Gehalt in derentrüsteten Zurückweisung eines frechen Zudringlings gezeigt, so manifestiert sichderselbe besonders in der großen Scene des 4. Aktes, in welcher der Dichterdie echt dramatische Pointe entfaltet. Es ist die Unleugbarkeit zwingender That-sachen, die mit unheimlicher Gewalt den Verdacht auf Dora lenkt, die denliebenden, vertrauenden, edlen Andre von Maurillac dem qualvollsten Zweifelverfallen läßt, dem andererseits wieder Dora's Unschuld und Reinheit mit Rechtdas stumme, wie in Schmerz erstarrende Zurückweisen jedes Versuchs einer Ver-teidigung entgegenstellt. Das Gefühl der zart weiblichen, gekränkten Frauen-ehre und der unbelohnten Liebe bäumt sich auf in edlem Frauenstolz gegenVerkennung und entehrende Verdächtigung; sie verlangt Glauben an ihre Un-schuld, eine auf Achtung ihres Frauenwertes gegründete Liebe, und brichtwie ihr junges Glück unter den wuchtigen Schlägen der unabänderlichen Vor-