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von Sakuntala lieferte ferner Wilh. Gerhard (Leipzig 1820). Den Bear-beitungen von Lobedanz (1851) und Meier (Stuttg. 1852) folgte die Über-setzung Rückerts (Nachlaß 1867), worauf A. Donsdorf und WolzogenSakuntala (mit geringem Erfolg) für die deutsche Bühne bearbeitet haben.
Das Drama bietet die zarteste Schicksalssabel und gehört durch Glut derPhantasie und Mannigfaltigkeit der farbenreichsten Bilder zum Besten, was dieindische Poesie geliefert hat und welches in wahrhaft Goethe'scher Vollendungsich uns vor die Augen stellt. Es ist eine Episode aus dem MahLbhürataund wird dem indischen Calderou, Kalidüsa, zugeschrieben. Dieser blühte unterder Regierung WikramLditja's, von welchem die indische Zeitrechnung sich her-schreibt, und der „den neunfachen Perlenschmuck" — die ausgezeichnetsten Geisterseines Volks — um sich versammelte. KalidLsa war also ein (nur etwas älterer)Zeitgenosse der römischen Dichter Vergil, Horaz, Tibull und Properz, sowie sein Ge-bieter ziemlich gleichzeitig mit dem Diktator Cäsar regierte. Er hat auch das DramaUrwasi (eigentlich Vikramorwasi — Tapserkeits-Urwasi) geschrieben, das vonWilson in's Englische und von Höfer (Berlin 1837) in's Deutsche übersetzt wurde.
Inhalt von Sakuntala: Der König Duschianta verirrt sich auf der Jagdin die Einsiedelei Kanwa's. Hier sieht er die Büßerjungfrau Sakuntala, ver-mählt sich mit ihr nach Gandharverweise und übergiebt ihr einen Ring mitdem Versprechen, sie abholen zu lassen. Als sie später, in Gedanken versunken,einen Einlaß begehrenden Brahmanen einzulassen versäumt, flucht dieser, Du-schianta möge sie vergessen und sie nur wieder bei Anblick seines Ringes er-kennen. Kanwa sendet Sakuntala zu Duschianta; da verliert sie beim Badenden Ring. Der Fluch wirkt. Duschianta will sich trotz versuchten Auffrischen»seiner Erinnerung nicht entsinnen, sie gesehen zu haben. Als sodann ihre Mutter,die Fee Menaka, sie entführt hat, bringt ein Fischer dem Könige den Ring, undDuschianta wird nun von Sehnsucht nach seiner Gemahlin fast verzehrt. DerWagenlenker Jndra's fährt ihn endlich zu ihr — nach dem Lustorte Jndra's, wodie Nymphen und unschuldig Verfolgten wohnen. Hier gewahrt er zuerst seinenSohn, der mit einem Löwen spielt; dann findet er Sakuntala, deren Verzeihunger erbittet, worauf er beglückt mit ihr in sein Reich zurückkehrt.
3. Dora von V. Sardou. (Deutsch von Schilcher.)
Dieses gut übersetzte, zum deutschen Repertoirestück gewordene espritreicheSchauspiel ist mehr als andere geeignet, das Geheimnis eines wirksamen Bühnen-dramas, eines das heutige Publikum begeisternden französisch-theatralischen Stückes,erkennen zu lasten.
Sardou, der im Ganzen satirisch angelegte Dichter, verstand es in diesemStücke, das er, im Gegensatz zu anderen Dichtern, denen der Salon nur Versamm-lungsort ist, aus dem Salon emporsprießen läßt, aus anekdotenhaften mosaikartigverwebten Bildern der ersten Akte die Handlung erstehen zu lassen. Dabei unter-scheidet sich das Stück durch sein ethisches Prinzip vorteilhaft von der üblichenFrivolität des französischen Konversationsspiels, obwohl es aus dem nicht zu ver-leugnenden Boden französischer Sittenzustände aufgebaut ist. Ausgestattet mit derstaunenswerten Fähigkeit des französischen Schauspiels der neueren Zeit, durch