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Gestalt zeigt, daß man verzweifeln möchte an der Gottähnlichkeit im Menschenund versucht sein könnte, der Darwinschen Theorie völlig zuzustimmen. Auchdas ästhetische Gefühl nimmt je nach der Nationalität, je nach der Zeit, eineandere Richtung an, und erreicht einen höheren Gehalt, eine gebildetere Qualität.Bei häufiger Vorführung tiefer, geistvoller Musik, die als unmittelbarer,gleichsam träumender Ausdruck des Wortes bezeichnet werden kann, wie diesendie Musik der neuen dramatischen Oper anstrebt, wird unser Gefühl diepraktische Befähigung erhalten, sich die eigenartigen Wendungen nach und nacheinzuprägen, Sinn für dieselben zu erwerben, sie lieb zu gewinnen.
Als unser größtes spezifisch musikalisches Genie, der musikalische Kosmo-polit Mozart, auftrat, indem er die lyrische Seite der Italiener, die epischeNatur Händels, woran sich das dramatische Streben Glucks reihte, mitallen musikalischen Richtungen zu einem großen organischen Ganzen gestalteteund zusammenfaßte, da verstand man seine Musik ebensowenig, als man an-fänglich die fortgeschrittene eines Wagner verstehen mag, da bekämpfte manihn hart, wie ja auch sein großer Zeitgenosse Haydn von gewisser Seite desfaulen Zopftums angegriffen wurde. Und doch verehrt heute ein jeder inHaydn den Meister, welcher der Gesangskunst einen richtigen Standpunkt an-wies und die Instrumentalmusik ihrer heutigen Vollkommenheit zuführte, in Gluckden Begründer einer dramatischen Oper und in Mozart den Vermähler ita-lienischen Wohlklangs mit deutscher Charakteristik rc.
Als Wagners Tannhäuser zum erstenmal in Paris gegeben wurde,hatte man noch so wenig Sinn für dieses Musikgenre, daß die Oper durchfiel,ja, der beißende Spott der Pariser erfand das bonniot »zs taniikiüN8s« (ichlangweile mich). Jetzt hat man dort einen ganz anderen Standpunkt erreicht:Tannhäuser machte in Paris bereits vor dem Kriege volles Haus!
Wie rasch eilt das Jahrhundert und die Bildung auch des Geschmacksvorwärts! (Vgl. d. Verfassers Arbeit in „Deutsche Theater-Chronik" Jahrg.1868 Nro. 30: „Ist die Durchschnitts-Geschmacksbildung der Jahrhunderte diegleiche? Aphorismen, hervorgerufen durch die neue, dramatische Oper.")
K 191. Wagners Stilcharaktere und seine Leitmotive.
1. In Wagners weltgeschichtlicher Thätigkeit lassen sich drei ver-schiedene Stilcharaktere unterscheiden.
2. Eine wahrhaft philosophische Bedeutung hat er sich durch seine,allen Perioden angehörigen Leitmotive erworben.
3. Das bedeutendste Leitmotiv ist Versinnlichung der Liebesgewalt.
1. Wagner begann im Streben nach der Herrlichkeit der besonders von
Spontini vertretenen großen (historischen) Oper.
Auf den von ihm selbst später verstoßenen Rienzi folgte die zusammen-gehörige Gruppe: Fliegender Holländer, Tannhäuser, Lohengrin, — Opern, inwelchen sich das Kunstwerk der Zukunft noch nicht ostensibel offenbart hatte,obwohl sie dasselbe ahnen ließen.