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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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Erst in Tristan, den Meistersängern und besonders dem Ring der Nibe-lungen wurde der spekulierende Ästhetiker von dem Dichterkomponisten eingeholtund sein längst geweissagtes Ideal zur Erscheinung gebracht. Nicht allein inden Stimmen, sondern auch in der malenden und schildernden Musik-begleitung liegt hier der Schwerpunkt. Während in den Ersteren derrealistischen Deutung jedes einzelnen Wortes nachgejagt wird, während siesich in unendlicher Melodie tummeln, verspinnt hier das Orchester seine wahr-haft narkotischen Klangeffekte und seine in der Chromatik und Enharmonikschwelgende Modulation! Die aus der Anspannung des dramatischen Prinzipssich ergebenden Konsequenzen treten namentlich in Tristan und Isolde, wie inden Meistersängern hervor. Tristan und Isolde gewährte dem Komponistenfreien Spielraum in der Charakterentfaltung: der wichtigste Faktor liegt hierim Orchester, auf dessen Rechnung kommt, was als musikalische Substanz desganzen Werkes zu betrachten ist.

Von großartiger Wirkung im Tristan ist das große Liebesduett des 2. Akts.Da ist Fluß, Wohllaut, verführerisches Weben und Wogen der Töne, innigeMelodie, die selbst die Gegner anerkennen müssen. Die Instrumente deutendie verborgensten Geheimnisse des dargestellten und gesungenen Liebesgenussesan. Mit ihren süßesten, wollusttrunkensten Klängen umschmeicheln sie dasOhr. Genial zeigt sich Wagners Muse in der leidumflorten ErwiderungTristans: O König, das kann ich Dir nicht sagen u. s. w. Der 3. Akt istbesonders großartig wirkend. Das einleitende ausdrucksvolle Vorspiel ist einzigschön. (Man vgl. das Verlangen des Kranken nach seiner Ärztin, den auf-jubelnden Reigen des Hirten, die malerische Schilderung des an der Klippemühsam vorbeisteuernden Schiffes, dessen Flagge und Wimpel die flatterndenFlötenpassagen entrollen, die jauchzende Lust des Orchesters bei der Landung rc.)

Zum Ergreifendsten des ganzen Werks gehört JsoldenS Schwanenlied. Daist deutscher Stil, deutscher Charakter, der schon bei nur geringer Bekannt-schaft mit Wagner erwärmen muß.

2. Ein wichtiges Kriterium für Würdigung Wagners sind seine Leitmotive,welche die innerste Natur der im mythischen Drama auftretenden Gestalten ver-sinnlichen und die logische Verbindung des musikalischen Dialogs vermitteln.Sie haben die Bestimmung, die Harmonie für jede einzelne Empsindungs-phase im Leben jeder einzelnen Person zu entwickeln, ebenso wie sich ausdem feststehenden menschlichen Charakter die Handlungen einzeln entwickeln.Im Tristan und Isolde sind sie selten. Eine so große Fülle von Leitmotivenwie in den Meistersängern schließt hier schon die einfache Handlung aus. Hierist alles auf Entwickelung der auf den Liebestrank deutenden Figur abgesehen.Trotzdem begegnen wir diesem chromatisch gewundenen, mit prickelndem Vorhaltenund wählerischen Dissonanzen freigebigen Thema sehr häufig: bald unten inder Begleitung arbeitend, bald siegreich sich in die Melodie schwingend.

Neben demselben finden wir das an den Abendsteru im Tannhäusererinnernde Motiv, die von der Macht der Liebe erfüllten Töne und die schwer-mutatmende Melodie des Hirten, die von besonderem musikalischem Reiz sind.