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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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halten. Zur Jllustrierung der Bedeutung des Chors sehe man sich Chöre an,wie Chor der Gefangenen in Fidelio; das Gebet und die Aufruhrchöre inder Stummen von Portici von Auber; die Rütliscene in Wilhelm Tell vonRossini: die Priesterchöre in der Zauberslöte; die dem Volkslied abgelauschtenChöre im Freischütz; die Ausruhrchöre auf dem Schiffe Ferd. Cortez von Spontini,wo der Chor selbsthandelnd auftritt; die Chöre der Larven und Schatten im2. Akt von Glucks Orpheus mit dem berühmten Nein; endlich die grandiosenChöre in den Meistersängern, im Fliegenden Holländer, und in Siegfrieds Todvon Rieh. Wagner rc. u. s. w.

2. Da in der Oper die Rede zum Gesang wird, und einer solch ätherischen

Sprache und ätherischen singenden Handlung mehr Zauberwesen eigentümlich

ist, als dem prosaischen Leben, so erhellt, daß der Oper die Romantik nicht

so übel anstehen kann, und daß der Textdichter seinen Texten sprühende,

interessante, romantische Scenen einfügen oder romantische Stoffe wählen darf,um die Personen in romantischen Situationen zu zeigen und Gelegenheit zurlyrischen Äußerung zu bieten.

3. Noch möchten wir den Librettodichter darauf aufmerksam machen, daßdie Aktschlüsse dem Komponisten die größten Schwierigkeiten bieten, weshalbdie Librettos nie mehr als 3 Akte haben sollten. Es ist keine kleine Aufgabe,fünf Finale herauszugestalten. Mozart bat nie eine fünfaktige Oper geschrieben;selbst sein Figaro, den man in der Regel in vier Akten giebt, ist nur dreiaktig.

Da die OpernlibrettoK an allen Theaterkassen zu haben sind, so beschränkenwir uns darauf, nur einige der besseren Librettodichter zu nennen: von denItalienern Metastasio und Goldoni; von den Franzosen Scribe, Barbier, Lafon-taine rc.; von den Deutschen Kind (Freischütz), Holtei, Wolfs (Preziosa), Planche(Webers Oberen), Cd. Devrient (Hans Helling), Castelli (Weigls Schweizer -familie), Gustav zu Putlitz (Flotows Jndra), Fr. Friedrich (Flotows Martha),Röber, Rodenberg, Groß, Geibel, Felix Dahn, Gustav v. Meyern (LangertsFabier), Fritz Hofmann (Rattenfänger von Hameln), besonders aber den vor-wärts drängenden Dichter Peter Lohmann, der bereits seit 1860 sog. Gesangs-dramen lieferte (4. Band der dramatischen Werke. Leipzig 1875. 2. Aufl.),und dessen Reformideen wo möglich noch weiter gehen möchten, als jene desvon ihm begeistert verehrten Richard Wagner.

II. kirchlich-musikalische Formen.

H 193. Einteilung der geistlichen Formen und Begründung

derselben.

1. Die musikalischen geistlichen Formen erwuchsen aus dem Christen-tum und seinem Kultus.

2. In der Entwickelung dieser Formen zeigt sich der Fortschrittdes christlich gläubigen Gemüts in Hinsicht auf Verinnerlichung undVertiefung.