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Der Gesang ist freilich zuweilen in Interjektionen der Leidenschaft zerpflückt,noch dazu in Superlativen, die als Ausdruck der gespanntesten Seelenzuständegerechtfertigt sind; aber das Leitmotiv kommt doch einer Symbolisierung derIdee gleich. Des Meisters Prinzip ist daran schuld, daß es zu eigentlichenLiebesduetten, die mehr als im recitierenden Drama im Gesungenen fesseln,selten kommt.
3. Als Gesamtresultat des Wagnerschen Schaffens tritt uns übrigensallenthalben als vornehmstes dramatisches Leitmotiv die dämonische Elementar-gewalt der Liebe entgegen. Von ihr hat der Tannhäuser das spezifischeStimmungskolorit erhalten, sie durchstrahlt das Verhalten Sentas zum Holländer,Elsas zu Lohengrin; sie reißt den Bruder in die Arme der Schwester undtreibt Brunhilde zum Sprung in den lodernden Scheiterhaufen rc.
tz 192. Vorschriften, Gesichtspunkte und Winke für dieLibrettobichtung, und Beispiele besserer Librettos.
1. Bei der Bearbeitung von Librettos hat der Dichter besondereRücksicht zu nehmen auf den eigenartigen Stoff, ferner auf die Charaktere,wie aus die einzelnen zu komponierenden Teile.
2. Der Stoff der Oper darf romantische Färbung haben.
3. Der Dichter mag sich feinen Librettostoff so gliedern, wie esBischer gethan hat (H 189 d. Bds.), jedoch mit der Rücksichtnahme fürden Komponisten, daß er seine Materie nur in 3, nicht aber in 5Gruppen einteilt.
1. Die gegensätzliche Beziehung der musikalischen Dramen zu den un-musikalischen bedingt selbstredend eine abweichende Behandlung in der Gestaltungder ersteren. Das Opernlibretto muß vor allem eine Handlung wählen, diesich in Empfindung umsetzen läßt. Aus diesem Gmnde darf der Dichter keinehistorische Intrigue wählen, die sich gedanklich abschließt, also auch keine Staats-aktivnen. (Beispielsweise eignen sich Stoffe wie Don Carlos nicht zur Oper.)
Bei den Stoffen ist sodann das Nacheinander, die Gruppierung in derScenerie zu berücksichtigen. Wagners Behandlung in dieser Beziehung istmustergültig. Man denke an Tannhäuser, wo eines dem andern in drama-tischer Belebung folgt: Venusberg, Verbannung, Wartburg, das Geläute derGlocken rc. Oder an den fliegenden Holländer mit seinen Kontrasten: hierdie trauliche Stube, dort das Meer rc. Solche Kontraste muß der Dichteraussuchen; sie sind dem Komponisten unentbehrlich. Weiter muß der OperntextPersonen bringen, die unserer Gegenwart einigermaßen durch Raum und Zeitfern gerückt sind. (Beispielsweise kann man Karl den Großen recht wohl alsOpernfigur bringen, nicht aber Napoleon III. rc.)
Was die Teile der Oper betrifft, so hat der Dichter besondere Rücksichtden Chören zu widmen. Der Chor hat bei uns eine weit höhere Mission,als z. B. bei den Italienern, die sich während der Chöre stets lebhaft unter-