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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
Entstehung
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durch das Überwiegen des dramatischen Charakters, sowie durch die größereBedeutung des Inhalts, dessen Ausgang Sieg oder Untergang der einen oderandern Partei ist, wie im Drama.

2. Da die Musik im Oratorium der durch den Stoff verkörperten Ideeeinen malerischen Ausdruck geben soll, so hat sie keine geringere Bedeutung,als ihr z. B. Wagner für die Oper stellt (vgl. H 189); ihr fällt die Psycho-logische Motivierung, Charakteristik und die Darstellung der Stimmung zu,weshalb sie ausgedehnten Gebrauch vom Recitativ und von der Arie, vomDuett und Ensemble macht und den Chor als Lied, Kanon, Fuge verwertet,sowie durch die Instrumentalmusik alle möglichen, künstlerischen Mittel entfaltet.Trotzdem das Oratorium keine Bühnenaufführung ist, kann es mit Fug undRecht als ein geistliches Musikdrama bezeichnet werden.

3. Wie das Drama dem Epos und den lyrischen Gattungen nachfolgte,so bildet das Oratorium den Abschluß der kirchlichen Formen. Es hat sichaus den, in den Anfängen mit Gesängen (Volksliedern) verbundenen geistlichenSchauspielen des 13. Jahrhunderts entwickelt, welche von Pilgern und andernDarstellern auf Straßen, Kirchhöfen und in den Betsälen der Kirchen (den sog.Oratorien) aufgeführt wurden. Seine eigentliche Entstehung oder kunstvollereBehandlung verdankt es wie erwähnt Philipp Neri in Rom, derdort 1558 die OonZrsgurüons cksll' orutorio von Animuccia, Nanino, Pale-strina rc. veranlaßte. In seiner, der Ausbildung der großen ernsten Operfernstehenden Entstehungszeit vertrat es diese und diente im technischen Sinnezu ihrer Vorbereitung. Je ernster, würdevoller sein Inhalt ist, desto enger stehtes zur kirchlichen Kunst in Beziehung; je mehr aber in ihm auch weltlicheDinge neben religiösen ihre Vertretung finden, desto näher kommt es der Oper.

Seine Weiterbildung gab ihm in Deutschland Heinr. Schütz, der Be-gründer der Passion und der Oper (vgl. S. 517 und 535 d. Bds.), welcherdie Arie und die instrumentale Begleitung hinzutreten ließ.

Zur Vollendung und Reise nach ideal-kirchlicher Seite wurde das Ora-torium erst durch Händel gebracht, durch den in Verbindung mit Bach dieEpoche der kirchlich protestantischen Tonkunst einen Abschluß erhielt. Händel,der erst gegen das Ende seines Lebens Oratorien schrieb, lehnte sich an die beweg-lichen Formen der ital. Oper und verlieh dem Oratorium durch alle Kunst seinesgewaltigen Kontrapunkts und durch Einfügung seiner unvergleichlichen Chöredramatische Kraft, Lebendigkeit und ergreifende Tiefe des musikalischen Ausdrucks.Sein Samson (1742), sein Judas Maccabäus (1746), sein Josua (1747)und vor allen sein Messias bedeuten die höchste Meisterschaft aus dem Ge-biete des Oratoriums. (Er soll die Absicht gehabt haben, seine Oratorien inLondon auf der Bühne zur lebendigen Darstellung zu bringen, ja, er machteVersuche damit zunächst durch seine Esther, dem ersten Werke dieser Gattung.)S. Bach verstand es dazu, den Protest. Choral im Oratorium noch für eineweihevolle gläubige Stimmung zu verwenden. Erreicht hat diese beiden Ton-künstler Keiner, obwohl Mendelssohn, Kiel, Meinardus und Fr. LisztAusgezeichnetes darin geleistet haben. Der letztere wollte das Oratorium (vgl.