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seine bedeutendsten Oratorien Christus und Elisabeth) vom katholischen Stand-punkt regenerieren und mit modernen Formen verschmelzen.
4. Der Dichter von Oratorien sollte dem Oratorienkomponisten seine Arbeitweder durch zu breite Erzählung, oder verwickelte Handlung, oder zu lang aus-gesponnene Gleichniste, noch auch durch zu abstrakte didaktische Reflexionen er-schweren; vor allem aber sollte er den psalmartigen Rhythmus vermeiden, daderselbe die logischen Einschnitte willkürlich setzt und dem Musiker die Anhalts-punkte raubt. Biblische Figuren sind wegen ihrer Bekanntschaft empfehlens-wert. Oratorientexte in dieser Richtung schufen Ramler, Niemeyer und dieVers. der im folgenden Paragraphen (203) unter Litteratur genannten kirch-lichen Oratorien.
tz 203. Analyse vorzüglicher Oratorien der Neuzeit, sowieLitteratur des Oratoriums. Weltliche Oratorien.
1. Um einen praktischen Einblick in den Aufbau einiger der be-deutendsten Oratorien zu veranlassen, geben wir präzise Analysen der-selben. Jene, welche Oratorien dichten wollen, mögen sich behufs Ver-gleichung die leicht zugänglichen Textbücher verschaffen.
2. Den Analysen lassen wir einen Überblick über die wesentlicheLitteratur des Oratoriums folgen.
3. Es giebt auch weltliche Oratorien.
1. Das Oratorium „Paulus" von Mendelssohn. Dieses herr-liche, aus zwei Teilen bestehende Oratorium ist ebenso für die Aufführung inder Kirche, wie im Konzertsaal geschaffen. Seit seiner ersten Aufführung imJahre 1836 hat es in der gesamten musikalischen Welt ungeteilte Bewunderunghervorgerufen. Es ist im Geiste der Passion Bachs und des Messias vonHändel geschrieben, wobei es jedoch unserer modernen Melodik Rechnung trägtund an Stelle der alten strengen Manier Bachs und Händels melodisch weiche,wohlklingende Formen setzt, wie es auch eine vollkommene, den modernen An-forderungen Rechnung tragende Instrumentation bietet.
Der Text erzählt nach dem Neuen Testament die Bekehrung des Saulus.Sopran und Tenor übernehmen recitativisch die Erzählung, während der Chordas handelnde Volk und den Zuschauer darstellt. Eigenartig ist MendelssohnsVerwertung des vierstimmigen Frauenchors, der von geisterhaft wirkenden Blas-instrumenten begleitet wird. Er läßt durch diesen Chor dem Zorn ZebaothsAusdruck geben, und erreicht so eine hohe Wirkung. Das Schönste des 1. Teilsist die Arie des Paulus: Gott sei mir gnädig; worauf ein groß angelegter,gewaltiger Chor (O welch eine Tiefe des Reichtums) diesen Teil schließt.
Der 2. Teil beginnt mit einem Recitativ. Paulus geht zu den Heiden.Chöre, Ariosos und Recitative wechseln. Dazwischen tritt der innige Choral:„O Jesu Christe, wahres Licht." Paulus wirkt Wunder. Heiden (ein Chor,der sich ausnimmt, wie ein heidnisches Opferfest) beten ihn an. Juden und