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Heiden erheben sich nun gegen ihn. Aber der Herr stärkt ihn in der herr-lichen Kavatine: Sei getreu bis in den Tod. Den Schluß bildet einwunderbar ergreifender, großartiger Jubel- und Siegeschor der Kirche Christiüber ihre Gegner.
Das Oratorium „Christus" von Kiel. Der Text dieses gewaltigenOratoriums ist mit Ausnahme von zwei Chorälen aus den Worten der Bibelzusammengestellt. Christi Einzug in Jerusalem, das Ostermahl, die Nacht aufdem Llberge, die Verleugnung durch Petrus, die Scenen vor dem Hohenpriesterund Pontius Pilatus, die Kreuzigung und Auferstehung bilden den Inhalt.(Fast den gleichen Stoff behandeln die beiden Passionen von Bach, sowie der„Messias" von Händel.)
Kiel, der Komponist der großen Formen katholischen Kirchenstils, dereine Messe, ein Requiem, ein Tedeum, ein Stabat geschaffen, hat den Stoffin neuer Weise behandelt. Er hat nunmehr von der spezifisch protestantischenGattung des Oratoriums Besitz ergriffen, was für seine Leistungsfähigkeit schwererwiegt, als seine übrigen Schöpfungen, da dieses Oratorium, neben großer sicherwaltender Technik, Wärme der musikalisch-religiösen Empfindung zeigt. SeinKontrapunkt erscheint als naturgemäße Form musikalischen Denkens und Em-pfindens. Ein Vorzug ist, daß das sinnig malende Orchester sich bei ihm niein den Vordergrund drängt, sondern selbst nur die Staffage für den Gesangbleibt. Dies ist überhaupt ein Kriterium für die protestantische Kirchenmusik;sie will Klanggepränge im Sinn und Geist des katholischen Kultus vermeiden.
Meinardus' protestantisches Oratorium „Luther in Worms".Dieses Oratorium wurde durch Liszt angeregt, der zu Meinardus sagte: „Siesind Protestant und sollten ein Oratorium: Luther in Worms schaffen."Meinardus lieferte nun dieses Oratorium großen Stils. Im ersten Teil schilderter Luthers Fahrt nach Worms. Die tiefreligiösen Empfindungen, welche dasdeutsche Volk in allen Kreisen erfüllen, die Sehnsucht nach dem Befreier vomJoche des römisch-kirchlichen Formalismus, die freudige Hingabe an den Refor-mator, kommen in den Chorgesängen und Einzelpartien der Pilger und Pilger-innen, der Katharina und ihrer Genossinnen, Ulrich von Huttens und seinerritterlichen Begleiter zur Geltung, während die innige und selbstlose Glaubens-gewißheit Luthers in seinem Gebet und in der Zurückweisung der Verlockungen rc.geschildert wird.
Der zweite Teil beginnt mit einer schönen Begrüßung des Kaisers durchdas Volk. Er stellt die Reichsversammlung dar, die Klage der Kirche gegenLuther, das Verhör, die Acht, den inneren Triumph des Reformators, der dieÄchtung seiner Person mit der Ächtung der Menschensatzung und des Buch-stabendienstes erwidert, und jenseits des Kampfes die Versöhnung feiert. DasGanze schließt in der Siegeszuversicht des Liedes: „Ein' feste Burg," welchesLuther intoniert, und in welches die Seinigen begeistert einstimmen. Es fehltnicht an lebendigen Beziehungen zur Gegenwart. Das Werk ist dabei durchauserhaben über jede kleinliche, tendentiöse Färbung. Der Text ist von Roßmann-Dresden und lehnt sich an die geschichtliche Überlieferung an; die historischen