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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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Er schmückte mit dem LorbeerkranzNur einen Krieger, schön und jung.O Gott, das ist ja Franz, mein Sohn!"Dies ries entzückt die Frau so laut.Das; alle Beter drob erschrecktNach ihr die Blicke wandten.

Sie meinten, daß der armen FrauEin Unfall zugestoßen sei.

Doch diese fühlte (wunderbar!)Die reinste Freude iu der Brust.

Voll Himmelstrost verlies; sie dauuDie Kirche mit der Beter Schar.

Und draußen sah viel Kinder sieZusammenlaufen, gaffen, schrei'».

Viel schmucke Reiter trabten an,Trompeten blasend nahten sie.

Vor Freude wäre fast die FrauGestorben, denn den Reitern all'

Ritt stolz voran als Oberst wer?Ihr teurer Sohn, der sebnsuchtsvollAufsuchte seiner Mutter Haus.

(bIL. Weiteres Material zu Übungen im jambischen Viertakter bietenMärchen und kleine, freundliche Erzählungen.)

tz 3. Bildung jambischer Cluinare (Blankverse).

1. Satzende und Ende des Blankverses (O-^--->-^-^-) brauchennicht unbedingt zusammen zu fallen, vielmehr darf der Satz zuweilenin die neue Verszeile hinüberragen. Zu oft soll dies freilich nichtgeschehen, weil dies zwar jambischen Rhythmus, nicht aber jambischeQuinare ergeben würde. Das Enjambement (Überschreiten) sollte inder Lyrik nie, im epischen Gedicht nur selten vorkommen.

2. Der Miltonsche jambische Quinar hat stets männlichen Schluß,der Shakespearesche gestattet bald weibliche, bald männliche Endung.Um nicht in. Zweifel über die Versgliederung zu geraten und dasEnde der Blankverse zu markieren, haben bessere Dichter (seit Lessingiden Shakespeareschen Quinar angewandt, also den letzten Takt zuweilenhyperkatalektisch (überzählig) gebildet, z. B. Vers 2 und 3 der folgen-den Probe:

Was je der Blu l me Du gcwäh rest, gönn'

Auch mei nen Blu men, mei neu E pheme , renZur Rei se Zeit, in lang' ^ und kur zcm Da ! sein.

(Herder.)

der einem schönen, jungen Soldateneinen Kranz ^ auf den Kopf setzte. 1O Gott, das ist ja mein FranzKarl!" j rief die Frau laut, ! so daßdie andern Beter alle erschrocken ^ um-schauten j und meinten, der Frau j seietwas zugestoßen, j Die Frau aberfühlte eine wunderbare § Freude in derBrust j und ging himmlischen Trostesvoll j aus der Kirche, j Da sah siedraußen die Jungen j zusammen lau-fen, 1 schmucke Reiter trabten ^ unterTrompetenblasen daher, j und baldwäre die Frau vor Freuden j gestorben,denn all den Reitern j voran stolzierteals Oberst j ihr Franz Karl j und suchteseiner Mutter Haus aus. j